Das Experiment: So lief’s

Gleich zu Beginn: Das Experiment unter dem Motto „erst die Sportschau soll uns erlösen“ hat funktioniert. Allerdings war es ein hartes Stück Arbeit, wie ich für euch im Laufe des Tages einfach mal dokumentiert habe.

Ab 12 Uhr: Im Radio wird ständig über den Bundesliga-Nachmittag gesprochen. Hinweise darauf, dass der Höhenflug des BVB ja letzte Woche gestoppt wurde, helfen nicht. Konzentriertes Zeitunglesen lenkt ab. Denn wen kümmert schon so ein dummes Fußballspiel, wenn es echte Probleme auf der Welt gibt.

15:00 Alle Radios im Haus aus, ja gar nicht noch mehr Vorberichterstattung hören, das Ablenken funktioniert spätestens jetzt nicht mehr.

15:09 Letzter Blick auf Facebook, bevor mit Internet Schluss sein muss. Der BVB hat dummerweise grad die Mannchaftsaufstellung gepostet. Nix wie wieder weg. Wir sind ja schlau und fahren während der Spielzeit einfach zu einem schwedischen Möbelhaus. Dort gibt es keine Fernseher und hoffentlich auch kein Radio. Einer der wenigen Orte, bei denen wir an das Gelingen des Experiments glauben. Zuhause auf dem Sofa sitzen wäre ja auch zu einfach.

15:35 Erste Herausforderung auf dem Weg zu besagtem Möbelhaus – Autoradio sekundenschnell ausschalten, denn meist steht es auf NDR – ein Toooooor und wir wären verloren.

15:40 Mist, wir müssen tanken. Das heißt: Nächste echte Herausforderung für meine Freundin beim Bezahlen, denn in der Tanke läuft meist Radio. Sie kommt in Rekordzeit mit betrübtem Gesicht raus. „Tja, ich weiß jetzt, wie’s bei Hoffenheim steht.“ Sie verrät es mir aber nicht. Gegen wen Hoffenheim spielt, wissen wir eh beide grad nicht.

15:50 Wir überlegen auf dem Weg, ob der HSV zuhause spielt. Keine unwichtige Information für den Rückweg wegen der relativen Stadionnähe unserer Wohnung. Ich frage sie, ob die denn grad beim NDR „Tor IN Hoffenheim“ gesagt haben, weil ich der festen Überzeugung bin, dass Hoffenheim gegen den Hamburger Sportverein spielt. Nachschauen kann ich ja jetzt nicht. Sie unterstellt mir, dass ich das Ergebnis aus ihr rauslocken will und schwach werde.

16:10 bis 16:45 Bei Ikea – panisches Aufhorchen bei jeder Durchsage und jedem Gedudel, das nach Radio klingt. Besorgte Blicke auf alle Männer mit Handy in der Hand, vielleicht schreien sie ja gleich nem Kumpel den Stand beim HSV zu. Froh, als wir raus sind. So konsequent meine Mitmenschen ignoriert habe ich noch nie. Guter Nebeneffekt: Kürzester und billigster Ikeabesuch meines Lebens, strikt nur eingepackt, was man eigentlich auch haben wollte.

17:00 bis 17:30 Supermarkt. Gleiche Bemühungen wie beim Möbelgeschäft. Da unser Supermarkt oft von HSV-Fans wimmelt, sind die ja hoffentlich gleich nicht da, Spiel läuft schließlich noch. Danach drohen nur noch die beiden HSV-Eckkneipen in umittelbarer Nachbarschaft und die eigene Schwäche zuhause mit verfügbaren Infos auf Knopfdruck. Kurz vor halb bilde ich mir ein, dass auf einmal mehr Männer im Supermarkt sind, und der mit der Pauli-Mütze guckt doch griesgrämig, oder? Naja, egal, fast geschafft.

18:00 Sportschau geht los! Teaser mit Dortmund-Erwähnung und Werbung mit Kloppo sind gemein.

18:25 Kommt da immer soviel 2. Und 3. Liga? Und kam da schon immer Frauenfußball, der mich ganz unfeministisch nicht wirklich interessiert?

18:30 Schreibe auf meinen Handy Stichpunkte für diesen Blogeintrag auf und werde sofort wieder verdächtigt. „Was machst du da???“ Außerdem haben wir jetzt Angst – wenn es nach der Werbung mit dem BVB weitergeht, dann haben die Jungs bestimmt verloren.

18:32 Immer noch zweite Liga?? Wen interessiert das denn? Ich krieg zuviel. Ist auch echt schwer, den Reflex zu kontrollieren, einfach mal zwischendurch den Videotext anzuschalten.

18:36 Wir spekulieren kräftig, warum die Spiele in welcher Reihenfolge kommen. Erschwerend dazu kommt allerdings, dass wir die Reihenfolge der Ankündigung nach jeder Werbung anders interpretieren. Aktuell glauben wir, der BVB wird das vorletzte und Bayern das letzte Spiel. Meine Freundin vermutet, dass Dortmund verloren und Bayern gewonnen hat und die Story jetzt ist: „Bayern holt auf“. Ich vermute (naiv?) einen sensationellen Sieg der Bremer. Auf jeden Fall kribbelt es jetzt in der Bauchgegend mit ungewohnter Nervosität und meine Herzensdame wird ein wenig fuchsig.

18:42 Endlich Bundesliga.

18:50 Der Pauli-Fan im Supermarkt hatte also einfach schlechte Laune. Fängt vielversprechend an.

18:51 Warum zahl ich eigentlich Gebühren, wenn trotzdem soviel Werbung kommt? Meine Freundin bettelt schon drum, in den Videotext gucken zu dürfen und hat wildeste Theorien, warum Dortmund nicht als letztes Spiel kommt. Eigentlich ist sie sicher, dass sie verloren haben und flucht wie ein Rohrspatz. Ich nicht, war ja nur Wolfsburg. Ich nehm ihr die Fernbedienung weg.

19:15 Hihi, Schalke. Höhö, HSV. Jetzt kommt gleich der Moment der Wahrheit.

19:23 Doch erst Bayern/Werder. Glaube ich. Freundin feiert, ich lache sie aus.

19:38 Doch BVB und alle Sorgen umsonst. Wahnsinn! Ich singe: „Wer wird deutscher Meister…“ Freundin strahlt. Nachbarn denken nach unseren drei Torjublern vermutlich, dass wir nicht alle Tassen im Schrank haben. Gar nicht so falsch.

19:52 Endlich wieder Videotext – wir müssen die Tabelle schließlich noch einmal etwas länger einwirken lassen. Schöner Spieltag.

Das Fazit:
Es geht auch so – und macht einen Fußball-Samstag sogar noch etwas aufregender. Ein wenig zu aufregend für meinen Geschmack, deswegen wird das Experiment erst wiederholt, wenn Dortmund eh schon Meister ist. Die Paranoia im Verlauf des Nachmittags und die daraus resultierende Menschenfeindlichkeit würde wohl auf lange Sicht sonst zur gesellschaftlichen Ausgrenzung führen. Eines habe ich ganz sicher gelernt: Ja, mir macht es inzwischen wirklich was aus, wenn der BVB verliert. Aber es ist nicht so schlimm wie bei meiner Freundin, die letzte Woche sämtliche Sportsendungen wegen des Unentschiedens boykottierte. Mal sehen, wie lange es dauert, bis ich diesen Stand erreicht habe. Ist aber auch etwas angsteinflößend, diese Besessenen.

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