Champagner vs. Bier, Erdbeeren vs. Stadionwurst

Ich bin fremd gegangen. Meinem Lieblingssport seit ich mit 9 Jahren Nationalmannschafts-Sticker auf meine Schultasche geklebt habe und vollkommen unerklärlicherweise für Lothar Matthäus schwärmte. Und zwar ausgerechnet mit einem Sport, dem ich höchstens zu Steffi Grafs besten Zeiten mal etwas abgewinnen konnte: Tennis.

Mein Besuch der French Open war wie mein erster Stadionbesuch geprägt von vielen Vorurteilen, was das Publikum angeht. Beim ersten Stadionbesuch erwartete ich besoffene Prolls, beim ersten Besuch eines Tennisturniers gegelte Schnösel in rosa Polohemden. Beides bekam ich auch zu sehen – allerdings im Fußballstadium genau wie beim Tennis nur in geringer Dosis.

Eines ist das Turniergeländer der French Open, genau wie jedes Fußballstadion: voll. Enorm voll. Und irgendwie hat es mehr von Volksfest als von Sportveranstaltung, auch wegen der irritierenden Sitte, dass man Tennisspiele offenbar nicht immer ganz schaut, sondern von einem zum anderen Court durchaus auch mal wechselt. Ist ja auch nicht schlimm bei einem Sport, bei dem für mich gefühlt jedes Spiel 4-5 Stunden dauert. Gleich bei meinem ersten Match wünschte ich mir die klaren Regeln und zeitlichen Begrenzungen des Fußball.

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Andererseits: Beim gestrigen Länderspiel gegen Aserbaidschan bestätigte sich auch das beste „Tennis ist toller als Fußball“-Argument meiner Tennis-begeisterten Freundin. Ein Tennismatch kann sich immer drehen, egal wie es steht. Ein Fußballspiel ist in der Regel gegessen, wenn es für eine deutlich stärkere Mannschaft 2:0 nach 45 Minuten steht. Dieser Regel entsprechend sah ich auch wirklich spannende Tennisspiele – Maria Sharapova gegen eine junge Französin, die im ersten Satz locker gewann, im zweiten führte und dann noch verlor (die Stimmung im Stadion kochte dementsprechend über). Fast dachte ich, dass ich sowas wie Tennis-Begeisterung entwickeln könnte. Und wurde nur wenige Tage später wiederlegt, als ich im TV doch wieder alles etwas langweilig fand. Mit Betonung auf der Silbe lang.

Wie bei meinen ersten Stadionbesuchen für den Fußball ein paar vergleichende Beobachtungen:

1. Die Verpflegung. Ich aß einen wirklich guten Hamburger, Häagen-Dasz-Sorbet (Wo bekommt man das? Ich will das jeden Tag!), trank einen Cocktail mit Gurkenwasser (die Witze dazu schreiben sich derzeit quasi von selbst) und gönnte mir Champagner mit Macarons. Köstlich – aber irgendwie hat ne verbrannte Stadionwurst mit nem abgestandenen Bier natürlich auch was. 15:0 für Tennis.

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2. Die Stimmung. Beim oben genannten Match gingen die Franzosen richtig ab – aber nur bei ihren Spielern, bei anderen Matches, egal wie spannend, herrschte eher so eine Art gepflegte Langeweile. Als ich zufällig im Spiel eines Spaniers landete im kleinsten der drei Hauptstadien, bekam ich einen Eindruck, wie’s sein könnte: Die spanischen Fans zeigten wie beim Fußball perfekte Anfeuer- und Feier-Kultur. Aber mit einem Fußballstadion kann das alles nicht mithalten. 15:15.

3. Das Publikum. Die Schnösel waren es nicht, wie befürchtet. Eine sehr bunte Mischung, von klein bis groß, Kinder schienen auf dem riesigen Gelände ziemlichen Spaß zu haben. Tatsächlich: Sonnencreme-Geruch statt Bierfahnen und die Abwesenheit von Volltrunkenen ist in der Menschenmasse angenehm. Und als Frau ist man auch nicht ganz so dolle in der Unterzahl wie im Fußballstadion. Aber halt auch alles etwas zu gediegen und zu brav. Ne, klarer Punkt für den Fußball. 15:30.

4. Der Sport: Fußball ist Qual. Alles läuft auf den einen, entscheidenden Punkt hinaus, und manchmal kommt er einfach nicht. Und wenn er kommt, dann bricht die Erleichterung aus einem heraus. Im Stadion gleichzeitig mit 80.000 Anderen. Diese Explosion der Gefühle kann bei einem Spiel, in dem munter vor sich hingepunktet wird, gar nicht entstehen. Finde ich. Vielleicht interessiert’s mich auch einfach nicht genug. 15:40.

5. Die Fairness. Tennis ist echt fair. Man klatscht nur, wenn der eigene Spieler nen Punkt macht und nicht, wenn der Gegner nen Fehler macht, man applaudiert dem Gegner brav für gute Punkte (es sei denn, man ist Franzose, denen ist das ziemlich wurscht). Total nett. Dem Fußball mangelt es manchmal an dieser Fairness – aber ganz ehrlich, was wäre ein Stadionbesuch ohne gut gepflegte Ablehnung des Gegners? Könnt ihr euch vorstellen brav für das Tor des Gegners zu applaudieren, weil’s so schön war? Zumindest im Stadion geht das einfach nicht und nimmt der ganzen Zuschauererfahrung irgendwie den Biss. Und somit souveräner Spielgewinn für den Fußball. Wenn ich mich nicht verzählt habe, denn neben den Klatsch-Regeln ist auch das Punktesystem beim Tennis irgendwie verwirrend.

Tennis bekommt aber noch einen kleinen Zusatzpunkt für Andrea Petkovic. Wie beim Fußball gilt beim Tennis: Wenn man sich nur für eine Person oder ein Team richtig begeistert, klappt es auch mit dem Sport. Und Andrea Petkovic ist wirklich – soweit ich das beurteilen kann – gut in ihrem Sport und so unfassbar entzückend, dass ich in Zukunft wohl mal öfter ein Tennisspiel schauen werde. Aber wohl selten ein ganzes.

 

 

2 Kommentare

  1. Wenn du Champagner und so im Stadion willst musste nur Karten f??r den VIP Bereich kaufen dann f??llt aber der Rest wie gute Stimmung und Gegner bep??beln weg ;-)Ein Cocktail aus Gurkenwasser? Hat der geschmeckt? Kann ich mir garnix drunter vorstellen au??er den Geschmack des Essigwassers der eingelegten Gurken…

  2. Anonymous · · Antwort

    Der war superlecker, das Gurkenwasser war wohl eher das, was an Fl??ssigkeit aus so ner Salatgurke kommt, wenn man sie klein reibt. 🙂 Danach und Basilikum war drin – leider finde ich kein Rezept online, das war echt supererfrischend und lecker, grad in der alkoholfreien Variante.Och n??. Fu??ball darf gerne auch von Sekt oder Champagner begleitet werden, bin nicht so der Bier-Fanatiker, aber keine Stimmung geht nunmal leider nicht. 😉

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