Fankultur und -unkultur

Wisst ihr, warum ein eigentlich fußballbegeisterter Mensch wie ich so lange gezögert hat, um das erste Mal im Leben ein Fußballstadion zu betreten? Wegen Bildern wie vom DFB-Pokal-Spiel gegen Dynamo Dresden. Und auch wegen homophober und rassistischer Rufe, die den Weg in die Medien fanden. Wegen betrunkener (nein, volltrunkener) Eintracht Braunschweig, Hertha, Union, St. Pauli und HSV-Fans (in chronologischer Reihenfolge nach Wohnorten).

Nachdem ich verstanden hatte, dass das nur unrühmliche Ausnahmen sind und der normale Fußballfan durchaus mal betrunken, aber eigentlich ganz harmlos ist, machen mir Stadionbesuche bekanntlich richtig Spaß. Ich weiß das Exzessive am Fußballfan-Dasein auch durchaus zu schätzen – grad wenn man den krassen Gegensatz dazu sieht (Hoffenheim!!). Auf der Nordtribüne fand ich es nur halb so toll wie neben der Süd, dezentes Applaudieren reicht einfach nicht. Aber die Auswüchse unter den Hardcore-Fans machen mir als ganz normalem Fußballfan immer noch Angst. Und ich rede hier nicht nur von Extremen wie Dynamo Dresden, die ja nun wirklich nicht mal der krasseste Ultra gut heißt. Hoffe ich zumindest.

Was die Idioten da am Dienstag veranstaltet haben, ist natürlich indiskutabel. Mir tun die echten Dynamo-Fans leid, die mit solchen Bildern und diesem Klischee leben müssen. Wirklich empfehlen kann ich zu diesem Thema diesen Blogeintrag eines frustrierten Dynamo-Fans. Und ich sehe mich darin bestätigt, bewusst keine Karte für das DFB-Pokal-Spiel gekauft zu haben.

In der Diskussion wird aber gerade die offensichtliche Fan-Unkultur einiger Dresdner fröhlich mit einer allgemeinen Debatte um Pyrotechnik und Umgangston in Stadien verquirlt. Und da bin ich als Neuling, normaler (=unregelmäßiger, sitzender) Stadionbesucher überfordert. Ich habe versucht, mich mit Pyrotechnik ernsthaft zu beschäftigen. Ich find Pyro sogar innerhalb von Choreos ganz hübsch. Allerdings verstehe ich weder, warum in dicht gedrängten Menschenmassen Feuerwerkskörper gezündet werden sollten, noch die grundsätzliche Emotionalität in dieser Debatte. Es sollte ja wohl klar sein – wenn Bekloppte Böller auf Personen oder das Spielfeld werfen, ist das nicht „emotional“, es ist scheiße. Dekoratives Abfackeln von Pyrotechnik, von mir aus. Mein Bruder, angehender Pyrotechniker, hat mir glaubhaft versichert, dass das mit ausreichender Sicherheit für Umstehende möglich sei. Ich glaub ihm. Ich versteh auch, dass der DFB sich kürzlich nicht grad mit Ruhm bekleckert hat in den Verhandlungen mit den Fans, die Pyrotechnik legalisieren wollen. Wenn ich dann aber Solidaritätsbekundungen mit oben genannten Idioten lese, wird mir schlecht. 

Ganz persönlich, ab von jeder fanpolitischen Betrachtung (für die reicht mein Wissen um Fankultur ohnehin lange noch nicht aus): Ich habe panische Angst vor Feuerwerk. Die Ursache liegt sogar beim Fußball, bei gewissen Feierlichkeiten in Holland 1988 flog eine Feier-Rakete zu nah an mir vorbei. Ein paar Jahre später brach ich meinen ersten Stadionbesuch wegen der Bengalos ab, die in mir panische Angst auslösten und ganz gewiss nicht sicher abgefeuert wurden. Deswegen werte ich diesen Stadionbesuch auch bis heute nicht. Ich werde mich im Stadion niemals direkt dort hinstellen, wo mit Pyro in unmittelbarer Nähe zu rechnen ist. Von weitem sieht es wirklich nett aus, zumindest so lange es kontrolliert wirkt. Meistens sehe ich es im TV in viel zu eng erscheinenden Gästeblöcken, allein der Anblick löst bei mir Beklemmungen aus.

Einige von euch werden nun sagen, dass ich dann einfach nicht ins Stadion gehen soll. Aber mal ehrlich: Fußball ist für jedermann, nicht nur für Hardcore-Fans meist männlichen Geschlechts, denen Platzangst und Angst vor Feuer größtenteils offensichtlich fremd sind. Ich finde es richtig, wenn Stadien so reguliert werden, dass die schlimmsten Auswüchse kontrolliert werden. Das muss nicht so weit führen wie Alkoholverbot, aber ich frage mich als Fan schon, warum Idioten wie am Dienstag überhaupt ins Stadion kommen. Und bin tatsächlich gespannt, ob es in der Champions League „gesitteter“ oder schon zu gesittet zugeht mit all den Restriktionen (Alkoholverbot, Bestuhlung).

Apropos Champions League – tatsächlich habe ich auch noch ein klein wenig Schiss vor meinem ersten Besuch der Südtribüne. Mehr Vorfreude als Schiss zwar, aber so ganz habe ich meine Vorurteile gegen Stadionbesuche wohl immer noch nicht abgelegt. Das erklärt dann auch diesen komplett verworrenen Blogpost, den ihr mir hoffentlich verzeiht. 

7 Kommentare

  1. Sebastian Salvador Schwerk · · Antwort

    Danke, Ina, es mangelt an sachlichen Beitr??gen zum Thema! Dieser gef??llt mir sehr gut! Man m??sste sie sammeln…

  2. Hallo Ina, da ich auf Facebook ja schon indirekt um meine Meinung gebeten wurde, will ich sie dir und den Mitlesern nicht vorenthalten! ;-)Dir m??ssen die echten Dynamo-Fans nicht leid tun, denn auch diese Idioten, die da in Dortmund randaliert und B??ller auf’s Spielfeld geworfen haben sind echte Dynamo-Fans.Zwar Idioten, vielleicht auch nicht die schlausten oder gerade die schlausten, aber definitiv echte Dynamo-Fans.In dieser ganzen Gewalt in Stadiendebatte, wird in den letzten Jahren immer versucht Fans von sog. Fans zu unterscheiden.Das finde ich falsch.Mit einem zwinkernden Auge sind eher die, die im Kuchenblock eines Stadions sitzen und nur das halbe Spiel gucken, die sog. bzw, nicht echten Fans, aber das ist eine andere Geschichte.Das Wort Fan stammt wahrscheinlich nicht umsonst vom englischen fanatic ab…Aber zur??ck zur Fan-Kultur. F??r diese Fangruppen scheint ein solches Verhalten zu ihrem Fansein dazuzugeh??ren.Das finde ich nicht, akzeptiere oder toleriere es auch nicht, kann es aber ein st??ckweit nachvollziehen.Insofern geh??ren diese T??ter auch bestraft, gerne auch straf- oder zivilrechtlich.Zu der ganzen Diskussion ??ber Pyrotechnik tragen solche Idioten nat??rlich nicht gerade positiv bei. Bis der erste B??ller flog fand ich die Choreo der Dresdner sch??n anzusehen. Danach wurde es einfach nur kriminell.Ich glaub ich schreib morgen mal was bei mir auf Blog, hab jetzt ja quasi schon nen halben Artikel verfasst und lasse es erstmal gut sein! 😉

  3. Anonymous · · Antwort

    @Sebastian: Danke! Sachlich w??rde ich das zwar nicht nennen, aber sachlicher als einige Fanforen-Beitr??ge, die ich mir gestern zu Gem??te gef??hrt habe, vermutlich schon. ;-)@Kai: Was war an der Aufforderung auf Facebook indirekt, ich hab dich ja fast gen??tigt. 😉 Danke f??r den ausf??hrlichen Kommentar, freu mich auf deinen Blogpost dazu. Ich finde aber schon, dass man zwischen wahren Fans und Idioten unterscheiden darf. Ganz ehrlich: Wer nur auf Krawall aus ist (und als Idioten bezeichne ich hier ausdr??cklich nicht Ultras, deren Extreme ich auch ??berhaupt nicht verstehe, sondern Hooligans), der sucht Krawall. Wenn das beim Fu??ball nicht klappt, geht man halt zu einer Demo, die zur politischen Grundauffassung passt und zerlegt nen Stadtteil. Das Herz dieser "Fans" mag zwar f??r ihren Verein schlagen, aber da sie sich NULL Gedanken ??ber die finanziellen Sanktionen oder gar Zwangsabstieg etc f??r ihren Verein machen, zerst??ren sie das Spiel f??r ALLE anderen. Inklusive des eigenen Vereins. Ich finde, da kann man dann schon zwischen echten Fans und diesem Schwachsinn bewusst differenzieren.

  4. Wie gesagt, ich ma??e mir nicht an jemandem das Fan-Sein zu- oder abzusprechen.Auch wenn es mir bei vielen Gelegenheiten in den Fingern juckt… 😉

  5. Ina hat ihn schon gelesen, vielleicht mag ja auch jemand anders…http://www.abknicker.de/2011/11/01/sogenannte-fans/

  6. Anonymous · · Antwort

    Ja, und Ina ist erleichtert, da ihr ja manchmal "echte" Fans das Fansein absprechen, aber du ja dann nicht. ;-)Das hier ist auch lesenswert: http://www.schwatzgelb.de/2011-10-30_unsa-senf_wir-waren-beim-fussball-und-haben-es-ueberlebt.html

  7. Ich hab mich dann ja doch etwas k??rzer gefasst… ;-)Und ja, auch du bist Fan, hab nie was anderes behauptet!

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