Wie Vereinsfan sein das Fußballschauen verändert

Es war mir in jahrzehntelanger, glühender Verehrung der deutschen Nationalmannschaft (mit kleiner Völler-Unterbrechung) immer herzlich schnuppe, wer aus der Mannschaft bei welchem Verein spielt. Zu Beginn des Projekts „Vereinsfan sein“ freute ich mich immer noch mehr auf Test- und Quali-Spiele als auf die Bundesligapartien. Und irgendwann setzte ein langsamer Prozess ein, schleichend, aber prägnant.

Es begann damit, dass ich mich umso mehr auf Länderspiele freute, wenn viele Dortmunder im Team waren. Selbst wenn es ein Kevin Großkreutz war, dem, wenn man ehrlich ist, das fußballerische Talent für die deutsche A-Elf nicht grad in die Wiege gelegt wurde. Und dann beobachtete ich sie natürlich mehr als andere. Und Hummels mehr als seine Vereinskollegen, ich geb’s ja zu.

Dann begann ich mich zu ärgern, wenn die Dortmunder auf der Bank saßen. Und das, obwohl ich vollstes Vertrauen in Jogi Löws System habe. Und mich über Menschen, die ihre Vereinszugehörigkeit zur Nationalmannschaft schleppen, immer lustig gemacht habe.

Etwas Positives entstand ebenso: Ich lernte Feinheiten zu schätzen. Wenn ein Miro Klose aufdreht, während es bei Bayern schlecht läuft, oder ein Poldi sich bei der Nationalmannschaft das Selbstbewußtsein holt, dass ihm Köln nicht geben kann – das kann man tatsächlich erst einordnen, wenn man die Bundesliga verfolgt. Mir haben jahrelang Fußballfans gesagt, dass „Nur Nationalmannschaft“ nicht ausreicht, um Fußball richtig zu erfassen, weil man ja die Tagesform der Spieler gar nicht einschätzen kann. Früher hätte ich wohl gefragt „Lewis wer?“ und „Wieso Leverkusen, der Bender spielt doch bei Dortmund“? Ich erkenne mich in den ratlosen Gesichtern von Freundinnen wieder, die bis zum Brasilien-Spiel noch nie (!!) von Mario Götze gehört hatten. Schön, endlich zu wissen, wo das ganze deutsche Talent herkommt. Und endlich mal die Jungs in der Nutella-Werbung zu erkennen. 

Und jetzt die schlimmste Phase, kürzlich erreicht. Anlässlich meines ersten Länderspiels im Stadion am 15. November möchte ich natürlich eigentlich meine beiden A-Elfs auf dem Platz sehen (ja, beide – diesen Konflikt erkläre ich an späterer Stelle). Aber dann verletzt sich Bastian Schweinsteiger. Ich freue zwar nicht über seine Verletzung, aber über seinen Ausfall fürs Spiel gegen den BVB. Dann Klaas-Jan Huntelaar. Ich freue mich wieder heimlich, vielleicht knickt ja Schalke jetzt ein. Meine Güte! Was ist geschehen? Ich sollte mich doch lieber ärgern, dass die beiden nicht beim Länderspiel auflaufen! Ich stelle mein Vereinsfan-Sein über die Nationalmannschaft? Kann mal jemand Fieber messen?

Allerdings weiß ich auch: Spätestens im Mai 2012 ist das alles egal. Dann stehen da nicht mehr 6 bis 8 Bayern und ein paar Andere auf dem Platz, sondern 11 Deutsche. Und dann soll Bastian Schweinsteiger gefälligst spielen.

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