Euer 1988, mein 1988 und warum ich manchmal orange jubele

21. Juni 1988, Volksparkstadion, Hamburg. Eines dieser Daten, die sich in die deutsche Fußballseele eingebrannt haben. In meine auch, nur ein wenig anders als bei den meisten anderen. Ich sah das EM-Halbfinale mit meinen 7 Jahren natürlich vor’m TV, und wegen des hohen Spannungsbogens durfte ich sogar bis zum Ende mitschauen. Der Fußballabend, der in den meisten Familien mit Tränen und Enttäuschung endete, endete bei uns in einer mittleren Familienkrise. Denn für meine Oma, die ihre holländische Staatsbürgerschaft vor langer, langer Zeit aufgegeben hatte, war Fußball immer wieder eine Erinnerung an ihren Nationalstolz als Niederländerin. Dementsprechend war bei der EM 1988 alles andere, inklusive der Enttäuschung der eigenen deutschen Nachkommen, egal: Holland – und ich darf Holland sagen, da meine Familie tatsächlich aus dieser Region stammt – stand im EM-Finale. Deutschland nicht. Aber Oma jubelte.

Als Kind ist man da nicht so. Im Finale waren wir selbstverständlich für die Niederlande. Es half, dass wir uns zu Turnierende ohnehin im Sommerurlaub bei der Verwandtschaft befanden. Ein Land getaucht in orange. Oranje-Kuchen, Oranje-Fahnen, Oranje-Hundejäckchen, Oranje-Windeln. Oranje boven. Selbst die aus Kindheitsperspektive leckeren Streusel fürs Butterbrot gab es nicht mehr im gewohnten Weiß, natürlich waren auch diese in der unvorteilhaftesten Farbe der Welt gefärbt. Ganz ehrlich: Das findet man als Kind schon cool. Gerade wenn gleichzeitig in Deutschland höchstens mal verschämt ein Fähnchen geschwenkt wurde. Der überbordende Nationalstolz der Niederländer gefiel mir, es war so herrlich exzessiv. Daher feierte ich selbstverständlich ohne jedes Gefühl der Resttrauer „meine“ Europameisterschaft. Und war in zukünftigen Jahren immer auch Fan der holländischen Nationalmannschaft.

Was nicht immer lustig ist. 1990 konnte man das schon nur noch sehr schwer rechtfertigen nach dem ganzen Gespucke auf dem Platz, aber ich war immer noch klein. Das volle Ausmaß der deutsch-holländischen Fußballfeindschaft verstand ich erst, als ich alt genug war, mir die Beschimpfungen gegen meine orangefarbenen Freunde anzuhören (und umgekehrt, da verstand ich nur weniger). Und da ich schon immer ein wenig rebellisch sein wollte, war ich dadurch nur noch mehr Fan beider Mannschaften. Bis heute.

Meine Liebe für die Elftal kennt Grenzen. Trifft Deutschland auf Holland, wie bei meinem ersten Länderspiel im Stadion morgen, stellt sich die Frage nach meiner Seitenwahl nicht einmal. Auch eine WM-Finalniederlage wiegt deutlich schwerer, wenn es Deutschland trifft. Da nehme ich es höchstens den Spaniern übel, dass ich gleich zweimal gegen sie verlieren musste. Aber: Ich besitze Kleidung und Schals in der unsäglichen Farbe. Und ziehe sie zu internationalen Turnieren an. Und wenn ich mit meinen nicht vorhandenen Holländisch-Kenntnissen die einzige Zeile der niederländischen Hymne, die ich kenne, mitbrumme, dann denk ich immer an meine Oma. Und unseren EM-Sieg 1988.

2 Kommentare

  1. Sebastian Salvador Schwerk · · Antwort

    Meine Gro??mutter war auch Holl??nderin (durch Heirat deutsch), Marco Van Basten ist bis heute einer meine f??nf Lieblingsspieler aller Zeiten und Toni Schuhmachers Foul 1982 hat mich nachhaltig mehr schockiert als das spuckende Lama (aber beide waren vorher Helden und danach nur W??rste)Also, Du bist nicht allein und mittlerweile spielen wir ja sogar den besseren Fu??ball! Ich w??nsch dir ein sch??nes Spiel.. Anis- und Schoko-Streusel, Schokoladenbuchstaben und Pindakaas gibt es bei uns ??brigens bis heute..

  2. Schokoladenbuchstaben! Hmmmmm…. Ich freu mich schon auf mein S. Bekomme seit Jahren kein "I" mehr, das hat n??mlich weniger Schokolade und war daher ein sehr unbeliebtes Sinterklaas-Geschenk. ;-)Fr??her war der Konflikt ja einfach: Holland spielte sch??n, aber ineffizient, und Deutschland genau umgekehrt. Jetzt erhoffe ich mir nat??rlich, trotz Testspiel, ein Zauberfu??ball-Spiel heute Abend, denn zaubern k??nnen sie ja inzwischen beide.

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