Sitz-Fußball

Bei Stadionbesuchen im Winter gibt es zwei Möglichkeiten zum warm halten. Hüpfen, klatschen & singen. Oder Glühwein. Bei meinem ersten Länderspiel im Stadion blieb mir zweitere Option, denn für‘s Hüpfen muss man Aufstehen. Und das erste Mal in meiner kurzen Stadionkarriere war dies ausdrücklich unerwünscht. Aber der Reihe nach.

Was hab ich mich gefreut! Özil, Müller, Poldi, Neuer, quasi direkt vor meiner Haustür und dann auch noch gegen die Niederlande. Die Aufregung war groß für diese spezielle Premiere, fast exakt 1 Jahr nach meinem allerersten Stadionbesuch. Am 13. November 2010 verliebte ich mich auf den ersten Blick in das Westfalenstadion. Die Fangesänge. Die Vibration unter meinen Füßen vom Hüpfen der Süd. Und nebenher ein bißchen auch in die Mannschaft auf dem Platz. Aber so richtig gekriegt haben mich beim BVB erst die Fans, dann das Team. Bei der Nationalmannschaft hat mich das Team längst. Seit der WM 2010 bin ich nach jahrelanger Beziehung sogar wieder ganz frisch verliebt, mit Kribbeln im Bauch. Die Fans kannte ich nur vom Rudelgucken.

Auf den ersten Blick sah das Publikum am Volkspark gar nicht viel anders aus als sonst. Etwas älter, etwas weniger betrunken, nur unwesentlich mehr Frauen. Kinder waren beim Testspiel gegen Valencia, meiner Stehplatzpremiere, definitiv mehr – was sicher dem Wochentag in Kombi mit der Uhrzeit geschuldet war. Vor dem Volksparkstadion war aber die Stimmung ähnlich gut wie sonst auch. Auch bei der Nationalhymne war ich noch guter Dinge. Angesichts der eigentümlichen Instrumentalisierung mit David Garrett und Blaskapelle konnte man selbst bei größter Melodie- und Textsicherheit kaum mitsingen, weil das Gespielte melodiös etwa die Qualität eines Kinder-Keyboards hatte (Copyright an dieser Bemerkung: meine Freundin). Man kann echt schlecht im Glanze dieses Glückes blühen, wenn man gleichzeitig über ein musikalisches Arrangement lacht. Die Choreo war hübsch, auch wenn ich sie nur halb sah.

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Und dann. 90 Minuten brillanter Fußball versus unterirdisches Publikum. Ohne die Anheizer von den Stehplätzen fehlt in einem Stadion offenbar ein wirklich entscheidener Bestandteil. Warum die Umstehenden nicht einfach zuhause vor‘m Fernseher schauen, wenn sie eh nur gemütlich sitzen wollen, entzieht sich mir. Da ist es doch auch viel wärmer! Und billiger ist der Abend dort auch. Besondere Freundschaft schloss ich mit dem Mann neben mir. Konstant über das Spiel hinweg bot er seine besten Taktikanalysen feil, die wohl selbst ein Oliver Kahn besser hinbekommen hätte. Ach, was sag ich, Rudi Völler hätte mehr Ahnung von Taktik als der Mensch neben mir. Er sah das anders. Und disqualifizierte sich als Bundestrainer obendrein noch durch seine mangelnde Bewegungsleidenschaft. Bei jedem Tor einmal kurz aufspringen, dann aber schnell wieder hinsetzen und weitermeckern. Bei 3:0 gegen die Niederlande, wohl gemerkt. 

Ja, lästern ist einfach und man kann ja auch selbst Stimmung machen. Hilft aber nichts, wenn keiner mitmacht. Oder man von hinten grob auf die Schulter getatscht wird: „Setz dich doch mal hin, was soll denn das!“. Stellenweise, und wieder muss ich einen Spruch meiner Freundin in Bestform klauen, war es so leise, dass man hätte seine Eltern grüßen können und sie hätten es im TV gehört. Oder, wie mich mein Südtribünen-Premieren-Verschaffer Till per SMS fragte:

„Ist es im Stadion wirklich so leise? Im Fernsehen hat man den Eindruck, das Spiel fände im Lesesaal der Universitätsbibliothek statt.“

Ne, in meiner Bücherei war mehr los. Umso befremdlicher, dass am nächsten Morgen im Radio ernsthaft das tolle Publikum gelobt wurde. Vielleicht lobt man die Hamburger jetzt einfach immer, wenn sie nicht pfeifen? Ist ja immerhin schonmal was.

Es gab auch Positives. Ich darf mal aufzählen: Miroslav Klose, Mesut Özil, Thomas Müller,  der Rest des Teams, holländische Fußballfans (auch wenn sie beim Stand von 2:0 leider verstummten), Glühwein und ein magisches Länderspiel. Das Weiße da auf dem Platz? Das war der Europameister 2012. Ich leg mich da jetzt fest. Und dann werden sicher auch die Hamburger mal feiern.

4 Kommentare

  1. Na im hohen Norden geht man zum Lachen halt mit hanseatischem Stolz in den Keller. N??chstes mal kommste‘ einfach wieder nach DO, wenn Du Stimmung im Stadion haben willst 🙂

  2. Nun ja, ich war auch im Stadion und habe keine Stimmung gemacht. Woran das lag? K??lte? Freundschaftsspiel? Zieler nur auf der Bank? Keine Ahnung. Mir macht es generell am meisten Spa??, wenn ich mit meinen Freunden zusammen Fu??ball schauen kann. Je mehr, je besser.

  3. @BvBonn – neee, wir k??nnen auch anders hier oben. Machen es nur selten.@jancrode – n??chstes Mal setzt du dich zu uns, dann kommt da Stimmung in die Bude. 😉

  4. Volksparkstadion! :o) Sehr gut!

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