Hass unter Freunden

Von diesem Blogeintrag gab es mehrere Versionen. Eine wütende, aus dem Bauch geschriebene. Eine nach der Lektüre vieler guter Blogs, Facebook-Einträge und Artikel. Beides wurde meinen Empfindungen beim Anblick des widerlichen Banners auf der Süd am Samstag nicht gerecht.

Schwul oder lesbisch sein ist wie groß oder klein sein. Man hat es sich nicht ausgesucht und es ist unverrückbar Teil von einem selbst. Einer, den man im Gegensatz zur Körpergröße vielleicht zumindest vorübergehend verstecken kann, aber immer nur vorübergehend. Wer sein wahres Ich verleugnet, leidet. Nun kenne ich niemanden, der besonders kleine oder besonders große Menschen aufgrund ihrer Körpergröße grundsätzlich hasst. Wer schwul oder lesbisch ist, hat diese Erfahrung aber mindestens einmal im Leben gemacht. Oft überraschend, aus heiterem Himmel. Auf der Straße, ein fieser Ruf hinter dir. Beim Kennenlernen des neuen, hyperreligiösen Freundes der eigenen Mutter, auf der eigenen Couch. Und, besonders oft: Im Internet. Dort wo Anonymität auch die größten Idioten eine große Klappe haben lässt.

So ein Fußballstadion ist auch gewissermaßen anonym. Eine schwarz-gelbe Masse, im TV nicht als Individuen erkennbar. Das macht es so beeindruckend, die Dortmunder Südtribüne zu sehen – diese Masse, 25.000 Menschen, die nur der Fußball eint. Von weiten nimmt man nur die Masse wahr. Und dann sehe ich in dieser Masse Banner, welche mir das Blut gefrieren lassen. Vor Zorn, vor Unverständnis, vor Trauer. Vor Scham. Und ja, ich weiß, dass die Konformität der Masse täuscht, und dass jeder einzelne der 25.000 ein Individuum ist, und davon 99% frei von so dreckigem Gedankengut, wie es diese Banner verrieten. Aber das erste, was ich sehe, ist diese Tribüne, die ich inzwischen wirklich liebe, gepaart mit Vokabular, das mich trifft. Und betrifft. Es fühlt sich in etwa so an, wie von einem engen Freund auf einmal eine homophobe Äußerung zu hören. Enttäuschung dominiert die erste Reaktion. Unglauben sogar – mein erster Schritt war, die Echtheit der Bilder zu verifizieren, ich konnte es mir einfach nicht vorstellen. 

Später kamen natürlich die Infos, die Einordnung, die lautstarken, hervorragenden, herzerwärmenden Kommentare von vielen, vielen, vielen BVB-Fans, die sich ebenso fassungslos zeigten. Das relativiert das erste, fiese Bauchgefühl. Natürlich weiß ich, dass das ein paar Idioten waren (alle Hintergründe sind mir allerdings herzlich egal – Sprache verrät Gesinnung). Wusste ich ja auch eigentlich schon, als ich die Bilder erstmals sah. Aber dieses Bauchgefühl, dieses richtig miese Gefühl jedes Mal, wenn ich diese Banner ausgerechnet in „meinen“ Farben sehe? Das bleibt.

11 Kommentare

  1. Ich finds ein bisschen schade, dass das Argument "man kann sichs nicht aussuchen" ??berhaupt eins ist/sein muss. Selbst wenn man sichs aussuchen k??nnte, w??rde das ja nichts ??ndern. K??nnte man theoretisch eine/n Homosexuelle/n verachten/diskriminieren/hassen wenn er sichs denn ausgesucht h??tte? Doch wohl hoffentlich nicht.Es ist wahr, dass man sich das nicht aussucht, sollte aber "eigentlich" gar kein Argument sein m??ssen. Wenn du verstehst was ich meine.

  2. Die Links sind leider kaputt… Da ist anscheinend je am Ende der Adresse was falsch…

  3. sorry Ina, aber ich muss dir da ein wenig Naivit??t vorwerfen. Es ist schon seit langem bekannt, dass es eine nicht kleine rechtsgerichtete Anzahl von Fans in Dortmund gibt. Und es ist auch schon seit langem bekannt, dass ein unterschwelliger Rassismus und unterschwellige Homophobie in den meisten Stadien in Deutschland, und so auch in Dortmund vorherrscht. Die Borussia ist nicht nur Friede Freude Meistschaft. Dort wurde leider auch das Thema negiert und auf ein paar wenige Fans verharmlost. Die Realit??t ist aber leider anders.Ach ja, und das war ??brigens der Hauptgrund, warum ich mir den FC St Pauli als Verein ausgesucht habe. Hier wird es so etwas nicht geduldet, solch ein Banner w??rde nicht l??nger als drei Sekunden h??ngen. Ok, der Fussball ist nicht so sch??n, aber der Rest stimmt. Und das ist mir pers??nlich wichtiger. (wobei, beim Thema Fussball verbessern wir uns auch…)Ion

  4. Anonymous · · Antwort

    Sorry wegen der Links – die ersten beiden gehen ja, daher hier der Rest nochmal verk??rzt, damit es sie nicht wieder zerschie??t. Danke f??r den Hinweis!http://bit.ly/wh9mto (Fankommentar bei DerWesten)http://bit.ly/yfs3ou (Toller Fankommentar von Mark)http://bit.ly/GBUSvw (Dembowski mit Lieblings-Wortspiel zum Thema ;)http://bit.ly/GCqsn4 (Pottblog mit Medienr??ckschau)http://bit.ly/FQqnMT (Spielbericht auf schwatzgelb.de)

  5. Anonymous · · Antwort

    @Made: Da hast du nat??rlich recht. Aber: Dieses Argument ist eines der Besten, welches man Homophoben um die Ohren hauen kann. Denn homophobe Menschen gehen in der Regel davon aus, dass man seine sexuelle Orientierung irgendwie ??ndern kann. Aber nat??rlich isses vollkommen wurscht, ob angeboren oder nicht – Hass jeder Art hat im Alltag und in Fu??ballstadien einfach nix zu suchen.

  6. Anonymous · · Antwort

    @Ion: Ja, in Fu??ballstadien gibt es Rassismus, Homophobie, Sexismus. Genauso wie in B??ros, Kneipen, Familien. Sicher im Schnitt sogar etwas mehr als an anderen Orten. Dennoch reden wir hier vielleicht von 150-200 Leuten von ??ber 80.000, wenn’s hochkommt. Und lass dir versichern, auch in Dortmund wird das nicht toleriert. Les dir dazu gerne mal Blogbeitr??ge und Statements von anderen BVB-Fans durch. Ja, St. Pauli ist ein Sonderfall. Durchaus ein lobenswerter – wenn sich mir auch auf St. Pauli Politik & Sport zu sehr vermischen. Anti-Rassismus, Anti-Homophobie und Anti-Sexismus sind richtig & wichtig, und da ist St. Pauli nat??rlich Vorbild. Wenn es sich dann jedoch mit Politik mischt, ist mir das zu viel – und ein Grund, warum ich KEIN St. Pauli-Fan bin. Ich bin ja Fu??ballfan und keine politische Aktivistin. Bzw. will ich wenn diese beiden Funktionen voneinander trennen – denn im Stadion will ich Fu??ball sehen. Ich hoffe, dass war jetzt um die Zeit und nach dem grandiosen Last Minute-Sieg grade noch verst??ndlich formuliert. Ich mag St. Pauli, und ich mag, wof??r der Verein steht. Ich finde aber, dass St. Pauli-Fans andere Vereine oft zu sehr und zu einseitig angehen.

  7. Man darf nicht vergessen, das auf der Trib??ne ordentlich Haue gab. Es sind also Leute auf der Trib??ne dazwischen gegangen und haben das nicht unwidersprochen zeigen lassen.

  8. Liebe Ina, ich finde es spannend, wie du argumentierst, dass diese Themen nicht zum Fu??ball geh??ren, dann aber gegen St pauli anf??hrst, sie w??rden zu viel Politik mischen. Also, wenn das nicht Politik ist, was dann? Ist das Banner vom Samstag nicht Politik? Wo ziehst du da die Grenzen? So wie sie dir passen? Und, ganz ehrlich, dein "es sind nur 150" Argument h??re ich zu oft von zu vielen. Immer sind es nur ganz wenige. Immer ist es nur eine Ausnahme. Immer ist die Mehrheit eigentlich dagegen. Nat??rlich sind es wenige, die vielleicht ein Banner hochhalten. Aber sind es wenige, die "Neger" oder "schwule Sau" rufen? Und was macht die Mehrheit dagegen? Hat das Stadion gepfiffen am Samstag? Oder w??re das in deinen Augen zu viel Politik?

  9. Anonymous · · Antwort

    Ja, es wurde gepfiffen. Es wurde gesungen "Und ihr wollt Borussen sein". Es wurde vehement (sprich: mit Gewalt) gegen das Banner vorgegangen. Mir sind auch genug Vorf??lle aus Dortmund bekannt, bei denen b??se Worte vom Umfeld geahndet wurden. Tut doch nicht immer so, als w??ren nur bei St. Pauli intelligente Menschen im Stadion, also ehrlich. Anti-Hass ist f??r mich keine Politik, das ist selbstverst??ndlich. Das kann man aber bis ins Endlose diskutieren, und das habe ich schon mit genug St. Pauli-Fans getan, um diese Diskussion an dieser Stelle zu beenden. Das Banner war Politik UND Hass, und diese ganze Gruppe hat im Stadion nichts verloren. Punkt. Mehr muss man dazu doch gar nicht sagen.Und: Eigentlich ging es mir mit diesem Blogpost nur darum, meine Gef??hle als BVB-Fan angesichts solcher vollkommenen Entgleisungen zu verdeutlichen. Nicht mehr und nicht weniger.

  10. Na gut, dann ist die Diskussion beendet. Schade eigentlich. Dachte die Kommentar Funktion w??re daf??r da und fand das Thema eigentlich spannend.

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