Gastbeitrag des Ermittlers mit Mord durch Tiki-Taka

Mein Name ist Dietfried Dembowski. Von Beruf bin ich Ermittler. Bis vor kurzem habe ich die Geschicke der Zeitung DerSamstag! Geleitet. Dann musste ich aus einem Unterwasseraquarium in Swinemünde flüchten, traf auf der Flucht die Liebe meines Lebens wieder. Die Zeitung ist nun eingestellt. Die Liebe kehrt langsam zurück. Ich wohne zur Zeit im Soldiner Kiez in Berlin. Meiner Detektei ging es meist mies, zwischendurch verdingte ich mich als D-Promi in den Kneipen der Stadt. So konnte ich trinken, Geld kassieren und träumen. Ich bin Fan des Ballspielvereins Borussia aus Dortmund, schon lange aber folge ich ihm nicht mehr egal wohin es geht. Dafür fehlt mir die Zeit. Ich sitze in meiner Wohnung, denke mir Geschichten aus, schreibe die dann nieder. Ähnlich der Geschichten der Boulevardblätter dieser Nation treffen diese Geschichten mal ins Schwarze, dann verkünde ich das lauthals, schreie „ich habe es schon immer gewusst“ in die Welt hinaus. Verfehle ich das Ziel, hülle ich mich in Schweigen und entwickle schnell eine neue Theorie.

Vor der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine war ich felsenfest davon überzeugt, dass die deutsche Arroganz zum Scheitern in der Vorrunde führen wird. Immerhin war die Nationalelf in der sogenannten Todesgruppe gelandet. Jogi Löw wollte auf die Spieler des  Ballspielvereins verzichten, er warf ihnen gar mangelnde internationale Erfahrung vor. Im Rahmen meiner Möglichkeiten übte ich zwar Druck auf den Bundestrainer aus. Doch schon zu oft hatte ich meine Möglichkeiten überschätzt. Ich drängte mich in die Lokalblätter, beschimpfte den Bundestrainer und wartete. Nichts passierte. Außer dass ich mir ganz sicher war: Polen holt den Titel, Deutschland scheidet aus. Sang- und klanglos. Es kam anders. Und ich verlor eine Wette. Deswegen sitze ich nun hier im beschaulichen Warnitz am Oberuckersee und schreibe diesen Text. Die Liebe meines Lebens, Dörte!, dreht alleine ihre Runde. Und wenn ich mich nicht beeile, wird sie wieder verschwinden.

Es ist Sonntag, der Sommerhimmel hat sich längst grau verfärbt, noch aber lassen sich einzelne Wolkenformationen am Himmel erkennen. Wenn ich aus dem Fenster schaue, blicke ich direkt auf den hoteleigenen Bootsteg. Ein paar Rentner sitzen am Ufer. In ein paar Stunden steht das letzte Viertelfinale dieser Europameisterschaft an. Italien gegen England. Gesucht wird der Halbfinal-Gegner der Nationalelf. Mir ist es herzlich egal, wer dieses Spiel gewinnen wird. Am Ende, da bin ich mir mittlerweile sicher, wird Deutschland am kommenden Sonntag im Finale stehen. Und dort zum ersten Mal seit langer Zeit die gute Seite des Fußballs verkörpern. Spanien, so sie sich gegen Portugal durchsetzen, hingegen die dunkle Seite des Fußballs. In den jetzt vier Jahren ihrer Dominanz haben sie das Spiel ganz langsam mit ihrer Effizienz und mit ihrem vor einiger Zeit noch so viel beachteten Tiki-Taka ermordet. Es wird um die Zukunft des Turnier-Fußballs gehen und allein ein Sieg der deutschen Nationalmannschaft könnte diese dann noch retten.

Am Ende der dunklen Gasse erstrahlt die gelbe Wand, sagen wir in Dortmund. At the end of the storm there’s a golden sky and a sweet silver song of a lark, singt Gerry Marsden im größten aller Fußballlieder. Am Ende des Turniers steht die Pokalübergabe an Philipp Lahm, sage ich. Dabei zählt genau dieser Lahm zu den Gründen, die es mir schwer machen, diese Nationalmannschaft als meine Nationalmannschaft zu sehen. Während es draußen nun langsam zu regnen beginnt, die Rentner sich in ihre Zimmer schleichen, denke ich ein wenig über Lahm nach. Er ist der gesichtslose Kapitän einer gleichgeschalteten Nationalmannschaft, er ist die Speerspitze der Bayern-Fraktion, die jede noch so deutliche Niederlage als Zufall und Glück interpretierte und so ihre ohnehin kaum vorhandenen Sympathien verspielte. Und jetzt auf einmal sollte sich das Blatt gewendet haben? Trotz aller nationalistischen, patriotischen und belanglosen Begleiterscheinungen dieser Europameisterschaft. In der Tat: Es hatte sich gewendet. Jogi Löw war bereits im ersten Spiel von seiner Linie abgewichen, hatte Mats Hummels aufgestellt, und dabei verdammt richtig gelegen.

Als Bender anstelle von Höwedes, dessen Einsatz ich vehement gefordert hatte (soweit war es bereits mit mir gekommen, dass ich einen Blauen dem Zwillingsbruder eines Dortmund Spielers vorzog), gegen Dänemark auflief und den Ball sicherheitshalber und komplett humorlos versenkte, hatte diese Mannschaft mich zum ersten Mal ein wenig berührt. Natürlich: Ich jubelte nicht. Wieso auch. Gerade hatte ich eine Wette verloren, die mich zu diesem Text hier zwang. Und wenn ich auch damals noch nicht wissen konnte, was alles passieren würde, und dass ich meine Wettschulden nun am Oberuckersee sitzend einlösen würde, so freute ich mich ein wenig auf das Spiel gegen Griechenland, die meinem Turnierfavoriten zum Auftakt ein Remis abgetrotzt und sich durch einen Sieg gegen Russland vollkommen verdient für die Runde der letzten 8 qualifiziert hatten.

In der Aufregung meiner Flucht bekam ich zum Glück wenig von den Griechenland-Witzen mit, musste mich auch nicht mit der unsäglichen Vermengung von Politik und Fußball auseinandersetzen. Bis Ernst Redermann und ich am Vorabend des Spiels unseren Intimfeind Jens Reiser, der sich im Hotel der Griechen wie 007 fühlte und absurde Belanglosigkeiten in die Welt hinausposaunte, zu Fall brachten. Es war unser EM-Moment. Der nächste EM-Moment folgte mit der Startelf-Nominerung des Neu-Dortmunders Marco Reus. Zum ersten Mal freute ich mich auf ein Spiel der Nationalmannschaft. Meine Vorfreude sollte nicht enttäuscht werden. Reus wirbelte, Özil ging jetzt auch mal auf die Seite und sogar Schürrle sorgte mit seinen kurzen Sprints für ein wenig Aufregung. Torchancen im Minutentakt, ein fluchender Löw an der Seitenlinie. Ein Spiel nach meinem Geschmack. Am Ende, das wissen wir alle, stand es 4-2. Ich war begeistert. Ein fantastisches Match, sechs Tore, am Ende durfte sogar das Muskelpaket Götze auflaufen. Die Mannschaft hatte mich bekommen. Ich war noch immer kein Fan, entwickelte aber ein paar Sympathien, die sich während des Spanien-Spiels nur verstärkten. Das Spiel hatte ich fast vergessen, zu sehr verlangte mein Herz nach Dörte. Doch das Schnarchen der Rentnerbande trieb mich in Richtung Bildschirm. Für 30 Minuten verfolgte ich das qualvolle Sterben des Fußballs. Die Verhältnisse hatten sich verschoben. Deutschland war das neue Brasilien, Spanien das neue Deutschland, England das neue Italien und Frankreich blieb die Katastrophe, die sie in den letzten Jahren bereits gewesen war.

Normalerweise bloggt der Ermittler übrigens hier: http://dembowskiermittelt.blogspot.de

ein Kommentar

  1. Lieber Ermittler – wie recht du hast. Also, mit deiner Vorrundenprognose hattest du natürlich unrecht, sonst hätte ich nicht grad deinen Blogeintrag hier reingestellt. Aber mit dem spanischen Mord am Fußball bist du einer heißen Geschichte auf der Spur. Mir ist vollkommen schleierhaft, was am spanischen Rumgeschiebe attraktiv sein soll. Meine Finalprognose lautet inzwischen Portugal-Deutschland – alleine schon, weil ich das viel, viel, viel lieber sehen will.

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