Es gibt keine „Homo-Ehe“

Hoffentlich war es keine Sommerloch-Diskussion. Denn selten – nein, Moment, noch nie – war ich der CDU (!) dankbarer für das Anstoßen einer politischen Debatte als bei der plötzlichen Renaissance der Diskussion um Gleichstellung Eingetragener Lebenspartnerschaften. Denn immer und immer wieder und sogar unter den „Betroffenen“ selbst wird vergessen, dass Deutschland weit hinter seinen (westlichen) Nachbarländern hinterherhinkt, was Gleichstellung angeht.

In den Medien wird gerne flapsig und verkürzend von „Homo-Ehe“ gesprochen – einen Begriff den ich mit aller Vehemenz boykottiere. Denn dank dieses Wortungetüms denken große Teile der deutschen Bevölkerung, in Deutschland einig Homoland wäre alles in Ordnung. Ich kann gar nicht aufzählen, wie oft ich den Satz „Aber ihr dürft doch in Deutschland alles!“ höre. Wenn ich dann aufkläre, dass die Eingetragene Lebenspartnerschaft der Ehe keineswegs gleichgestellt ist und, nein, adoptieren dürfen gleichgeschlechtliche Paare in Deutschland auch nicht, ist die Überraschung immer wieder groß. Ja, selbst bei Lesben und Schwulen.

Danken wir also der CDU, weil jetzt endlich mal wieder in den Medien zu lesen war, dass es in Deutschland keine Gleichstellung gibt. Übrigens dank der CDU/CSU. Alle (!) anderen großen Parteien hatten die Gleichstellung bei der letzten Bundestagswahl im Wahlprogramm. Die FDP vergaß das aber leider bei diversen Gelegenheiten (beispielsweise im Mai dieses Jahres). Währenddessen entscheiden Gerichte immer, und immer, und immer wieder für Gleichstellung bei den zahlreichen Klagen, die gleichgeschlechtliche Paare eingereicht haben. Denn ganz ehrlich: Selbst in den konservativsten Kopf muss es doch hineingehen, dass ein Paar, das sein Leben miteinander teilt, vom gleichen Erbschaftsrecht, Schenkungsrecht, Steuerrecht, Rentenrecht, was-auch-immer-Recht profitieren sollte wie ein anderes Paar, das sich zufälligerweise aus zwei Menschen unterschiedlichen Geschlechts zusammensetzt. Bei den Pflichten greift Vater Staat ja auch mit beiden Händen zu – die sind nämlich gleich. Natürlich total logisch, dass ich nach aufgelöster Lebenspartnerschaft unterhaltspflichtig bin, aber während der Partnerschaft nicht von Steuervorteilen profitieren darf.

Die Argumente gegen Gleichstellung kann ich auswendig. Weil jedes einzelne von ihnen so tief ins Herz trifft. Die Familie stehe unter besonderem Schutz. Also, jede Familie die dem Mama-Papa-Kind-Schema entspricht. Mama-Mama-Kind, Papa-Papa-Kind, aber auch die Varianten Mama-Kind/Papa-Kind ist also entweder keine Familie oder nicht schutzbedürftig. Eine absurde Argumentation, um das veraltete Ehegattensplitting mit seiner Begünstigung der Hausfrauenehe und konservative Familienideale aufrecht zu erhalten. Und eine Argumentation, die persönlich verletzt – weil sie die Form meiner zukünftigen Familie als minderwertig abtut. Familie ist da, wo Menschen füreinander einstehen. Nicht einmal an Kinder will ich das knüpfen – Familie hat so viele Facetten wie der klischeehafte Regenbogen. Die veraltete Familiensicht, die sich in der aktuellen Debatte offenbart, diskriminiert nicht nur Schwule und Lesben, sie diskriminiert unverheiratete Paare, Single-Eltern und jedes Familienmodell, das nicht dem Schema X entspricht.

Die aktuelle Diskussion ist aber gut. Wenigstens wird mal wieder drüber gesprochen – etwas, das die CSDs leider in Deutschland kaum noch schaffen, da deren politische Ziele von den Medien weitestgehend zugunsten der hübschen bunten Bilder ignoriert werden. Dank Vollidioten wie Norbert Geis oder der allzeit zuverlässig unfassbaren Erika Steinbach kommt in die Debatte auch eine gewisse Schärfe, die gut tut. In den USA polarisiert das Thema so sehr, dass sogar Fast Food-Ketten auf einmal eine Meinung zur Eheöffnung haben. Dadurch bleibt es aber auch immer aktuell und immer im Fokus der Öffentlichkeit – würde ich mir hierzulande manchmal wünschen. Schließlich gibt es die Eingetragene Lebenspartnerschaft seit 11 Jahren. Der nächste Schritt, die Öffnung der Ehe mit den gleichen Rechten und Pflichten, muss endlich geschehen. Meine eigene Mutter sagt gerne, dass es ja aktuell wichtigere politische Themen gebe. Mag sein. Deswegen dürfen wir aber nicht vergessen, dass die Familienpolitik in Deutschland einen gehörigen Tritt in ihren ewig-gestrigen Hintern braucht.

Es gibt keine „Homo-Ehe“. Es gibt nur Ehe. Oder Eingetragene Lebenspartnerschaft. Die beiden sind maximal verwandt, aber nicht mal ansatzweise identisch.

Infoblock:

Folgende Länder haben die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet: Niederlande, Belgien, Spanien, Kanada, Südafrika, Norwegen, Schweden, Island, Argentinien, Dänemark, Portugal (wo aber die Adoption noch untersagt ist!), und einige Bundesstaaten der USA (allerdings sind diesen Paaren einige wichtige bundesweit geregelte Rechte natürlich verwehrt, zum Beispiel im Einwanderungsrecht). Regionale Öffnungen gab es außerdem in Mexiko und Brasilien. Konkrete Maßnahmen zur Eheöffnung gibt es derzeit in Finnland, Frankreich, Luxemburg, UK, Brasilien, Kolumbien, Uruguay. Selbst erzkatholische Länder sind schon an Deutschland vorbeigezogen. Aber gottseidank haben wir ja eine Trennung von Kirche und Staat, nicht wahr?

5 Kommentare

  1. Das schöne daran, dass man alle Schemata zerstört ist, dass u sere Gesellschaft immer weiter zersplittert und jeder nur noch für seine Rechte kämpft und der Staat und die Gerichte langsam aber unaufhaltsam nur noch dazu dienen einen fairen Ausgleich zwischen tausenden Einzelinteressen zu schaffen und so früher oder später handlungsunfähig wird und daran zerbricht. Doch erst wenn keine Polizisten mehr auf der Straße stehen, keine Schule mehr auf hat und die Straßen voller Schlaglöcher sind werdet ihr merken, dass ihr hättet eure Minderheits-Indiviual-Interessen zurückstecken sollen. Doch diese Dekadenz wird wie schon im alten Rom zum Untergang unserer Zivilisation führen.

  2. Auf den vorherigen Kommentar werde ich nicht eingehen, zeigt er doch wunderbar warum sich in diesem Land in so vielen Dingen nichts tut!

    Was deine Gedanken zur „Homo.Ehe“ angeht: ich bin da völlig bei dir! Zuerst einmal finde ich das Wort an sich furchtbar! Es ist diskriminierend und grenzt Homosexuelle (mal wieder) aus. Wir sind alle Menschen. Es sollte völlig egal sein wen wir lieben, bzw welches Geschlecht unser Partner / unsere Partnerin hat. Ich werde mir weitere Ausführungen sparen. Im Grunde hast du alles gesagt. Was ich noch anfügen kann: der Schutz der Familie ist eine Farce. Wie viele Kinder werden von ihren Heterosexuellen Eltern geschlagen oder anderweitig mishandelt? Wieso sollten Homosexuelle nicht in der Lage sein, Kindern die nötige Liebe, den Rückhalt, die Bildung, Nahrung etc zu geben? Wir könnten jetzt vorschieben, dass man ihnen „zumutet“ von anderen Kindern gehänselt zu werden. Aber woran liegt das wohl 😉 ? Meine Mutter ist lesbisch und ich könnte nicht stolzer auf sie sein! Sicher, sie hat es erst recht spät „gemerkt“, aber ich liebe meine Mutter und mir ist es egal mit wem sie ihr Leben verbringt, hauptsache sie ist glücklich! Ich habe alles im Leben von ihr mitbekommen, hatte eine wundervolle Kindheit, Teeniezeit und wurde von ihr unterstützt wo sie nur konte und das gilt auch für ihre langjährige Partnerin.

    Ich wünsche mir sehr, dass es die eingetragene Lebenspartnerschaft endlich die selben Rechte bekommt, wie jede Ehe zwischen Heterosexuellen. Fair wär es nur, denn die Pflichten dem Staat gegenüber sind ja auch die gleichen 😉

  3. Hmmm. Eigentlich ist deinem Artikel nicht mehr viel hinzuzufügen. Was mich immer wieder erschreckt ist, dass man dazu gezwungen wird in Kategorien bezüglich der sexuellen Orientierung zu denken.

    Mir ist es im positivsten Sinne sowas von egal, welche sexuelle Orientierung ein Mensch hat. Er ist ja schließlich ein Mensch und sollte einfach nur das Recht haben sich so zu entfalten, wie es ihm beliebt und dabei anderen Menschen nicht ihre Entfaltungsmöglichkeiten nehmen. („Die Freiheit des Einzelnen hört da auf, wo die Freiheit des Anderen anfängt“ hört man des Öfteren…)

    Warum nun aber die Ehe zwischen Menschen Freiheiten oder Rechte von anderen einschränken soll erschließt sich mir beim besten Willen nicht. Ist doch eigentlich toll, wenn Menschen heutzutage noch auf Werte wie Treue oder für einander Einstehen zu gewinnen sind.

    Aber irgendwie scheint es immer noch einen geheimen Brechreiz oder Widerwillen innerhalb weiter Teile unserer Gesellschaft zu geben, wenn diese Menschen das gleiche Geschlecht haben.

    Wie gesagt, ich verstehe das nicht. Und hoffe, dass wir irgendwann zeitnah über diesen Punkt hinwegkommen und uns, um bei deiner Mutter zu bleiben, den wirklich wichtigen Dingen zuwenden können.

    Die Ehe zwischen Menschen sollte nun wirklich kein Problem sein, dass man „lösen“ muss.

    Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt…

    1. Den ersten Kommentar lass ich auch einfach mal so stehen. Er spricht für sich.

      Cathy und Kai, danke für eure wundervollen Kommentare. 🙂

      Inzwischen ist längst auch die Mehrheit der Deutschen für Gleichstellung, muss man ja auch mal sagen. Schwierig ist in der Diskussion hierzulande meiner Meinung nach auch, dass es irgendwie immer und bei jedem Thema verpönt ist, sich in das Privatleben von Menschen „einzumischen“. Finde das bei allen Aspekten der hiesigen Familienpolitik etwas seltsam. Oder auch, wie lange hier über das Allgemeine Gleichstellungsgesetz diskutiert wurde! Das war ja absurd, wo es in anderen Ländern schon ewig Antidiskriminierungsgesetze gab.

  4. Links anne Ruhr (13.08.2012)…

    Castrop-Rauxel: Zuspruch zum Bürgerbegehren Fridtjof-Nansen-Realschule ist weiterhin ungebrochen (WR.de) – Bochum: Rekordbesuch: 50 000 tafeln in der City bei Bochum kulinarisch (Westfalenpost.de) – Dortmund: Das war mein Veggie S…

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