Konstruktive Wut

In meinem nicht-heterosexuellen Umfeld rumort es. Gewaltig. Gefüttert von Aussagen solcher Personen wie CDUlerin Katharina Reiche, die den gemeinen Homo unterschwellig für den baldigen Untergang der westeuropäischen Gesellschaft verantwortlich macht („Unsere Zukunft liegt in der Hand der Familien, nicht in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften. Neben der Euro-Krise ist die demografische Entwicklung die größte Bedrohung unseres Wohlstands.“). Oder dem Herrn Wagner, dieser obersten Instanz aller Stammtisch-Choleriker in Deutschland, dessen Worte man niemals – niemals – ernst nehmen sollte, da sie immer von allem möglichen triefen, aber nicht von Toleranz und Weltoffenheit. Der hat heute uns Homos dazu beglückwünscht, dass wir nicht mehr eingesperrt werden. Und zeugte auch gleich noch von politischer Uninformiertheit (ein zuverlässiges Kennzeichen der Stammtische dieser Welt, an die der nette Mann ja gehört), da er sinngemäß schrieb „ihr seid doch schon Ehepartner“. Ne, Herr Dings, eben nicht. Darum geht es gerade.

Aber: Die Wucht der Vorurteile, die in der erneuten Diskussion um die Gleichstellung homosexueller Partnerschaften auf Homosexuelle einprallt und so auch der Allgemeinheit deutlich vorgeführt wird (auf Twitter & Facebook einte die Empörung über Herrn W. heute ohnehin alle) hat etwas Positives. Auch wenn das absurd klingt. Seit Jahren stört mich, wie brav und unpolitisch und angepasst Schwule und Lesben in Deutschland agieren. Ich selbst war längere Zeit Pressesprecherin des Hamburger CSDs und habe dort sehr unmittelbar gesehen, wie schwer es ist, „Otto-Normal-Schwuler“ und sein weibliches Pendant zu politisieren. Meist interessierte Gleichstellung der Lebenspartnerschaft und Adoption eben nur, wenn man das als persönliches Ziel im Leben hat – und nicht jeder Schwule und nicht jede Lesbe will heiraten und Kinder kriegen. Im Gegenteil, wie auch bei Heterosexuellen gibt es genug Personen, die Ehe als veraltet ablehnen. Eine Fokussierung auf das politische Ziel der Gleichstellung war schwer zu erreichen, CSDs waren Parties, es herrschte allgemein ein gewisses „Wir haben doch alles“-Gefühl. Was mich oft sehr wütend machte.

Jetzt sind alle wütend. Die Wut entlädt sich auf Twitter, auf Facebook, in Leserbriefen, ich denke, dass „echte“ Demonstrationen nicht mehr weit entfernt sind. Wütend sind Personen, die all die Jahre zwar politisch, aber immer sehr kompromissbereit und geduldig waren. Unpolitische Schwule, die durch die Homophobie in den oben genannten Aussagen auf die Barrikaden gerufen wurden. Ich bin fasziniert – genau das habe ich mir lange gewünscht. Einfach mal ein bisschen Wut. So lange sie im Rahmen bleibt, denn aus dem Ruder gelaufene Facebook-Gruppen gegen Frau Reiche bringen sicher nichts. Aber diese Wut muss sich doch konstruktiv bündeln lassen – damit sich endlich, endlich einmal etwas tut.

 

 

4 Kommentare

  1. Was schreibt man als priveligierter, weißer Kerl zu sowas? Nix? Auch doof, oder?

    Ich finde es schockierend, was für Dummsülz in den letzten Wochen an diversen Ecken und Enden zu dem Thema zu lesen und hören ist. Wir haben 2012 und in Deutschland wird das ur-christliche Menschenbild zelebriert, als hätten wir 2 nach Christus.
    Zumindest, wenn es um die Ehe geht. Und selbst bei achso fortschrittlich toleranten CDUlern gilt dann am Ende irgendwie so „Eigentlich sind Homos doch voll okay“, aber wenn sie ernstgenommen, akzeptiert, oder einfach nur gleichberechtigt sein wollen, dann fällt denen immer wieder eine noch blödere Ausrede ein, warum das nun nicht.

    Akutes Beispiel „Mutter-Vater-Kind-Ehe“. Ich wußte gar nicht, dass zur Ehe neustens ein Kind gehört. (mal ab davon, dass es ja auch Mutter-Partnerin-Kind-Ehen oder Vater-Partner-Kind-Ehen oder Vater-Vater- oder Mutter-Mutter- oder.. naja, Du weißt schon geben könnte).

    Ich werde irgendwie selten wütend. Ich sollte wohl.
    Aber… ich resigniere einfach immer vor soviel Dummheit. Wie damit umgehen? Überzeugen wird man diese Menschen wohl nicht können? Hoffen, dass sie irgendwann aussterben? Hoffen, dass einfach immer mehr Menschen durch persönlichen Kontakt, durch „moderne Medien“ mitbekommen, dass Homosexualität weder eklig, noch schlimm, noch sonstwas, sondern einfach nur eine Form von Leben ist? Keine Ahnung.

    Ich hoffe, durch Wut, Widerspruch, Solche Blogbeiträge wird wenigstens den Nichtidioten bewußt, wie sich Teile unserer Mitmenschen da verhalten. Kein Plan.

    Zum CSD kommen eh nur Menschen, die dem Thema positiv aufgeschlossen gegenüber stehen.
    Satire gucken nur Leute, die eh tendenziell dieselbe Meinung wie der Satiriker haben.

    Aber wie kommt man an diejenigen ran, die es nicht verstehen? Die zu dumm, zu ungebildet oder zu ignorant sind? Oder einfach nur scheiße?

    1. Man wird nie alle erreichen können bei dem Thema. Ist aber auch gar nicht notwendig, die Mehrheit der Gesellschaft ist längst für Gleichstellung, beim Thema Adoption noch etwas weniger als 50%. In Ländern mit Gleichstellung ist die Akzeptanz enorm viel höher als hierzulande – wenn es also erst einmal passiert ist, scheinen sich auch fast alle daran zu gewöhnen.

      Das „Lustige“ ist ja eigentlich: Außer der CDU/CSU sind alle für Gleichstellung. Und sogar die bröckeln langsam. Ich glaube, dass formelle Gleichstellung nur noch eine Frage der Zeit ist – Diskriminierungen etc. bleiben natürlich trotzdem bestehen und verschwinden nicht von einem Tag auf den anderen, aber wenigstens diskriminiert dann das Gesetz nicht mehr.

  2. Hallo Hallo Ina, dein Bericht ist wirklich toll. Allerdings glaube ich, dass sich „die Wut“, die sich jetzt entlädt sich nicht über Jahre angestaut hat. Vielmehr denke ich, „die Wut“ kommt aus der Fassungslosigkeit heraus, weil wir plötzlich mit Argumenten konfrontiert werden, bei den wir wähnten, dass wir diese gesellschaftlich längs hinter uns gelassen hätten. Frau Reiche und Herr Wagner, können uns schlichtweg einfach nur auf den falschen Fuß erwischt haben. Dann würde dieses ganze Theater nächste Woche im Sande verlaufen und wir gehen wieder zum „normalen“ Arbeitsalltag (was das für uns auch immer sein mag) über. Falls diese Diskussion aber nicht im Nirwana enden sollte, sondern im Gegenteil, immer weiter angeheizt werden, dann wäre die Radikalisierung immer ein zweischneidiges Schwert. Denn Radikale können auch Fronten verhärten und uns um Jahre zurück werfen.Ich bin immer für ruhige Gespräche und vertraue auf die Kraft von Argumenten. Das mag zwar äußerlich eher etwas langweilig aussehen, aber Gandhi hat mit dieser Methode einen ganzen Subkontinent von England gelöst :o)
    Alles Liebe Lorenz

    1. Lorenz, danke für den Kommentar und da hast natürlich recht. Radikalität ist nicht erstrebenswert – aber mir war in den Bestrebungen der diversen LGBT-Organisationen hierzulande schon lange zu wenig Biss. Wenn jetzt ein gesundes Maß an Wut entsteht, kann das positiv sein. Allerdings, was der Frau Reiche alles auf ihre inzwischen gelöschte FB-Seite geschrieben wurde… meine Güte. Das ist dann nicht mehr konstruktiv, eher das genaue Gegenteil.

      Bei mir hat sich die Wut definitiv aufgestaut. Ich bin 31. Seit 11 Jahren gibt es die Ehe zweiter Klasse, und damals konnte ich mir nicht vorstellen, dass wir 11 Jahre später noch ernsthaft über so elementare Themen der Gleichstellung reden würden. Ich bin sauer. Auch ganz ohne Herrn Wagner.

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