Kommentar zum Interview mit schwulem Bundesliga-Profi

Ein Raunen. Ein erstes Interview mit einem schwulen Bundesliga-Profi. Dann kurze Enttäuschung, nein es ist leider kein Coming-Out. Aber dennoch lesenswert. Auch wenn die Einsortierung in die Kategorie „Sex“ etwas irritiert. Bitte erst einmal lesen, im Nachfolgenden kommen nur meine Kommentare zu den diversen Aspekten, die heute teilweise schon mit viel Ausdauer auf Twitter diskutiert wurden.

Eine gewisse Enttäuschung war aus manchen Tweets herauszulesen, man sei nach diesem Interview ja auch nicht schlauer als zuvor.  Das stimmt, es wurde niemand geoutet, es wurden keine schmutzigen Details wiedergegeben – jedes Detail hätte die Anonymität des Interviewten ja ins Wanken gebracht. Ich finde den Einblick in die Gedankenwelt und Ängste eines ungeouteten Profisportlers dennoch spannend: Die Angst vor’m endgültigen Ende jeder Privatsphäre, die Angst vor der Reaktion der Fans, aber auch die Tatsache, dass die Mannschaftskollegen offenbar Bescheid wissen.

Ich glaube, dass die Angst des Spielers vor der Kurve nur bedingt berechtigt ist. Auf den Rängen eines Stadions steht & sitzt mehr oder weniger ein Querschnitt der Gesellschaft. Dementsprechend ist da eine Idiotendichte wie in der Allgemeinbevölkerung auch. Der Unterschied: Rassismus, Sexismus und Homophobie sind hier (rein gefühlt, ich kann das nicht statistisch belegen!) etwas „akzeptabler“, da mit „Emotion“ entschuldigt als anderswo. Man stelle sich vor, jemand würde einen unfähigen Busfahrer als „Schwuchtel“ beschimpfen. Würde ohnehin kaum jemand machen, in der schützenden Masse eines Stadions tun es aber doch einige. Aber: EINIGE ist das Stichwort. Und nicht selten gibt’s dafür einen ordentlichen Rüffel vom Nebenmann. Ja, ein geouteter Spieler würde von einer lautstarken Minderheit schlimme Beschimpfungen hören. Dann liegt es auch an der viel zu oft schweigenden Mehrheit, ihn zu schützen und die Idioten zum Schweigen zu bringen. Aber eine gesamte Kurve, die hasserfüllt homophobe Gesänge schreit, kann ich mir in der Bundesliga einfach nicht vorstellen. Bin ich naiv?

Die Angst des Spielers vor dem medialen Sturm dagegen halte ich – leider – für absolut gerechtfertigt. Wer auch immer der Erste sein wird, er wird einiges aushalten müssen. Er wird von den Medien, auch den Seriösen, lange Zeit auf seine sexuelle Orientierung reduziert werden. Hätte ich auch keinen Bock drauf. Aber: Dieser Sturm wird vorüber gehen. Und vielleicht würde es tatsächlich helfen, wenn es irgendwann einfach ein Massen Coming-Out mehrerer Spieler gleichzeitig geben würde.

Überhaupt, Coming-Out, darüber musste ich anlässlich des Artikels nachdenken: Wie würde man das in diesem einen speziellen Beruf angehen? Exklusivinterview mit einem Medium? Buch schreiben? Oder einfach eines Tages, ohne großen Kommentar, den Freund mit auf den roten Teppich nehmen statt der Alibi-Freundin? Wobei: Von homosexuellen Paaren berichten Medien eigentlich nur, wenn sie es explizit aussprechen oder beim Knutschen erwischt wurden. Dass Anne Will und Miriam Meckel beispielsweise ein Paar sind, hat nun wirklich lange vor dem offiziellen Coming-Out jeder sehen können: Gemeinsame Urlaube, gemeinsame Auftritte, gemeinsam alles. Geschrieben wurde es aber erst, als Anne Will „es“ aussprach. Steht eine Schauspielerin dagegen einmal zu nah an einem Schauspieler, wird sofort gemunkelt, dass da was laufen könnte. Boulevardeske Spekulation ist so herrlich heteronormativ. Ein Fußballer müsste es also wohl schon explizit zur Sprache bringen.

Eine der Twitter-Diskussionen, die ich heute nebenbei mitbekam, drehte sich um das allseits beliebte Thema „Ist das nicht egal? Homosexualität ist doch normal.“ Klar. Ist sie. Aber die Aufmerksamkeit, die das Thema nicht nur im Fußball immer und immer und immer wieder bekommt, zeigt doch ganz klar, dass diese Tatsache noch nicht bei jedem angekommen ist. Bei der jüngsten Diskussion um Gleichstellung gaben Politiker (!!!) haarsträubende Dinge von sich. Es gibt im deutschen Fernsehen und in der Politik zwar ein paar geoutete Schwule und Lesben, aber glaubt ihr ernsthaft, das wären alle? Nichts ist Normalität, wenn es noch von so viel Geheimnistuerei umgeben ist und jeder offen homosexuelle Mensch in der Öffentlichkeit eine Schlagzeile wert ist. Noch sind wir nicht ganz da, aber wir nähern uns, spürbar.

Ach so, am Ende noch ein paar Sätze zu einer weiteren Diskussion am Rande, die wegen des für einen solchen Artikel ungewöhnlichen Mediums (Fluter) und der mangelnden Detailtiefe die Authentizität des Interviews anzweifelte: Da habe ich nun wirklich vollstes Vertrauen in das Medium und seine Redaktion. Die liebe Laura hat übrigens kurz mit dem Autor telefoniert um seine Herangehensweise und die Motivation zu erfragen, könnt ihr in ihrem Twitterfeed nachlesen.

Abschließend: Der Spieler deutet an, über ein Coming-Out ernsthaft nachzudenken. Zu begrüßen wäre es – und dann sollen bitte all die Zwanzigers und Journalisten und Fans zeigen, wie ernst sie die theoretischen Diskussionen nach jedem neuen Artikel zum Thema meinen.

10 Kommentare

  1. Gerade hab ich noch die Kommentare unter dem Interview gelesen und kann sie euch ans Herz legen. Sind einige wirklich Tolle dabei. Jemand hat dort allerdings auch einige Facebook-Kommentare von der Seite „Mein Herz schlägt schwarz, rot, gold“ zusammengefasst und… naja… dabei wird einem dann wiederum schlecht.

  2. Was ich mich halt frage.. selbst wenn die Idioten inzwischen die Minderheit sind (was ich bezweifle, aber das ist themenunabhängig)… Wenn ich mich in „meiner“ Kurve umgucke, in der das Thema „Diskriminierung geht gar nicht“ seit 20 Jahren präsent ist, in der der Themenkomplex „Homophobie und warum das scheiße ist“ gefühlt jedem bekannt sein müsste… und dann bei JEDEM Spiel irgendwo irgendwo jemanden mitbekomme, der Schwuchtel o.ä. ruft.. Na klar, er wird hoffentlich irgendein Echo kriegen, sieht man in der Kurve halt nicht immer, aber.. das Wort ist halt gesagt…

    Ist es nicht trotzdem große scheiße, wenn von 60.000 Dortmund-Fans 10.000 „Schwule Sau“ brüllen? Oder 1.000? Oder von 25.000 St.Pauli-Fans 2.500? Oder 250?
    Ich weiß nicht, ob das aus Spielersicht so den Unterschied macht. Am Ende hörst Du einfach nur dass sie Dich gerade niedermachen. Und dann damit Dich meinen.
    Oder wenn 10 Idioten sich vor dem Bus aufbauen und Dich, und nur Dich, anbrüllen? Schwer, ganz schwer, glaube ich.

    Intellektuell kann man so was sicherlich einordnen, aber emotional?
    Keine Ahnung, trau ich mir nicht zu, das zu bewerten. Ist sicherlich auch sehr unterschiedlich. Aber ich denke, das ist einfach auch noch mal ne andere Liga als „Scheissmillionäre“ o.ä., über dem man evtl. eher drübersteht?

    Insgesamt bleibt wohl – wie viel zu oft – die Problematik, dass erst eine kritische Masse erreicht werden muss, um es in „ruhe“ machen zu können (Outing), aber die kritische Masse nicht erreicht wird, weil eben keiner anfängt. Was ich nachvollziehen kann.

  3. Ich habe da nicht so viel Vertrauen in die Kurven dieser Republik, geschweige denn in die Kurven Europas.

    Von den eigenen Fans würde ein Spieler bei entsprechender Leistung weiterhin gefeiert werden. Aber ein Spieler der anderen Mannschaft? Wohlmöglich noch des Erzrivalen? Ich weiß nicht. Der würde angegriffen. Definitiv.

    Und jetzt kommt die spannende Frage. Würde er auch angegriffen, wenn er nicht schwul wäre? Wahrscheinlich. Jetzt bietet er aber noch eine weitere „Angriffsfläche“.

    Und das war schon immer so. Mehmet Scholl lief einst die Freundin weg. Die Kurven der Republik skandierten „Mehmet ohne Freundin, oh oho oh“. Ein Spieler, er sich geoutet hat müsste wahrscheinlich schlimmeres ertragen.

    Und wahrscheinlich würden auch nicht alle singen. Aber Rufe von Tribünen und Gesänge von Minderheiten wären wohl da. Und auch hörbar.

    Und spätestens der Fall Pezzoni zeigt, dass Fans auch noch zu ganz anderen Taten in er Lage sind und die Vereine zum Teil nicht gewillt sind, ihre Spieler ausreichend zu schützen und Homophobie gerne relativieren.

    Sonntagsreden vom DFB glaube ich diesbezüglich auch nicht.
    Deshalb wünsche ich mir, dass es irgendwann egal ist, welche sexuelle Orientierung ein Mensch hat, mir ist das eh relativ egal. Ich glaube aber nicht daran, dass es zeitnah ein Outing in der Bundesliga geben wird.

  4. Danke für den Link und für deinen Kommentar dazu. Ich denke auch, dass es der erste Fußballer der sich outet, weniger wegen der Anfeindungen als wegen der geballten medialen Aufmerksamkeit wahnsinnig schwer haben wird. Die Medien haben sich leider mittlerweile bei diesem Thema derart hochgeschaukelt, dass sie sich auf ihn stürzen würden. Sensationsgier und der Versuch aus möglichst großem Verständnis und propagierter Aufgeschlossenheit heraus „politisch korrekt“ (und sehr viel) darüber zu berichten und zu diskutieren, würden den Fußballer dann in erster Linie zu einem Homosexuellen und nicht mehr zu einem Fußballer machen. Man möchte gar nicht dran denken, wie die Themen bei Anne Will, Maischberger, Jauch etc. die folgende Wochen lauten würden. Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass sich dies niemand antun will…
    Ich hoffe, dass sich das Thema „Fußball und Homosexualität“ wieder etwas abkühlt, damit sich vielleicht irgendwann ein Fußballer outen kann, ohne damit das Top-Thema in den Medien zu werden.

    1. Stimmt, der Hype ums Thema ist krass. Und es betrifft nicht nur den Fußball. Nenne mir mal geoutete männliche Profisportler. Na? Mir fallen unter den aktiven Sportlern nur Eiskunstläufer und Turmspringer ein, also Sportarten, in denen ein Abweichen von der „Männlichkeitsnorm“ akzeptabler ist. Rugbyspieler Gareth Thomas ist wirklich eine große Ausnahme. Geoutete Sportlerinnen fallen mir dagegen einige ein, wenn auch natürlich immer noch viel zu wenige. Outings von Männern, die dem klassischen Männlichkeitsideal entsprechen, sowie Frauen, die dem klassischen Weiblichkeitsideal entsprechen, irritieren die Medien schon noch ungemein. Das erklärt vielleicht ein wenig die Faszination des Themas?

  5. […] guten Kommentar zur Welle, die dieses Interview geschlagen hat, gibt es bei Torszenen zu lesen. Ein Raunen. Ein erstes Interview mit einem schwulen Bundesliga-Profi. Dann kurze Enttäuschung, […]

  6. „Ich glaube, dass die Angst des Spielers vor der Kurve nur bedingt berechtigt ist.“

    Etwas vermessen einem Menschen seine Angst abzusprechen. Darf man erst dann Angst haben, wenn mehr als die Hälfte der Fans „Schwuchtel“ brüllen. Ich denke, da reichen schon einige wenige. Und die gibt es überall. Und berechtigt sicherlich auch Angst.

    1. Das hast du falsch verstanden, ich kann die Angst an sich absolut nachvollziehen und hätte sie anstelle des Spielers auch. Man kennt das ja im kleinen Rahmen vom eigenen Coming-Out: Da unterstellt man Freunden und Familie im Vorfeld Reaktionen, die in den seltensten Fällen dann so eintreten. Und (so war das zumindest bei mir) ist danach ganz verwirrt, warum man jemals so eine irrsinnige Angst hatte. Der Spieler geht im Interview davon aus, dass die *Mehrheit* der Fans ihn beschimpfen wird. Ich glaube das nicht – aber die Kommentare einiger anderer hier zeigen ja, dass die Einschätzungen da weit auseinander gehen.

  7. Ich kann die Angst des Fußballers sehr gut nachvollziehen und glaube keine Sekunde, dass die Fans da so gelassen reagieren würden wie hier vermutet. Es mag nur einige wenige Radikale geben, die einen schwulen Spieler direkt aus ganzer Seele hassen würden, aber ein Großteil der Bevölkerung scheint in meinen Augen doch noch Aversionen gegen Homosexualität zu hegen. Und wenn die sich von den Radikalen im Eifer des Gefechts anstecken lassen, dann wird der betroffene Spieler seines Lebens nicht mehr froh.

    Genau deshalb ist es allerdings wichtig, dass sich endlich jemand outet! Es gibt so viele Männer, die noch nie einen (geouteten) Schwulen leibhaftig kennengelernt haben, aber das Weichei-Klischee ist eben doch so verbreitet, dass es überhaupt nicht in Frage gestellt wird. Ein Fußballer, der sich outet, würde damit nicht nur die Fußballwelt auf den Kopf stellen, sondern auch das Bild von Homosexuellen gesamtgesellschaftlich geradezu revolutionieren. Das wäre ein bedeutenderer Schritt Richtung Gleichberechtigung, als es alle Politikerreden und alle Christopher Street Days jemals sein könnten.

    Ich hoffe nur, der erste Spieler, der sich traut, ist auch wirklich top. Also ein Spieler der ersten Liga, besser noch ein Nationalspieler. Wäre das nicht so, würde sein „Versagen“ („Klar, dass der es nur bis zur zweiten Liga geschafft hat. Die Schwuchtel hat halt keine Eier.“) mit Sicherheit auf seine sexuelle Orientierung geschoben werden. Auch wenn er immer noch ein besserer Fußballer ist als 99% der männlichen heterosexuellen Bevölkerung.

    Am besten wäre es sowieso, das untereinander abzusprechen und ein gemeinsames Coming-Out zu starten. Ein Fan kann einen schwulen Spieler des gegnerischen Clubs nicht angreifen, wenn er weiß, dass in SEINEM Club auch einer mitkickt…

  8. […] Kommentar zum Interview mit schwulem Bundesliga-Profi | aus dem Blog »Tor-Szenen« […]

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