Königliches Migränemittel

Der Tag des lang erwarteten ersten Heimspiel-Besuchs der Saison beginnt so, wie er nicht sollte: Mit der vertrauten Aura einer beginnenden Migräne. Na super. Schmerzmittel, hinlegen, abdunkeln. Wird auch besser. Alles gut.

Das obsessive Checken, ob die Tickets auch wirklich noch da sind, ist vollkommen berechtigt. Immerhin ist die Migräne nicht das Einzige, was schief läuft. Meine bessere Hälfte hat einen Termin, der sich um volle 45 Minuten verspätet. Erstaunlicherweise schaffen wir es trotzdem halbwegs pünktlich zum BVB-Fähnchen beschmückten Auto von Jan, der uns mit nimmt. Ich hoffe, der Geruch der wenig schmackhaften Chinanudeln, die wir aus Zeitnot im Auto essen mussten, hat sich inzwischen verzogen, Jan.

Meine Migräne kam und ging, vom medizinisch vermutlich nicht mehr ganz unbedenklichen Mengen Schmerzmittel eingedämmt. Aber von gottverdammten Kopfschmerzen würde ich mir kein Champions League-Spiel vermiesen lassen. Die leichte Übelkeit schiebe ich aufs Ibuprofen statt Nervosität. Denn eigentlich wog ich mich in einer seltsamen Art von Optimismus, dessen Ursache ich nach dem Derby nicht so richtig erklären konnte. Vielleicht lag es daran, dass der BVB immer noch kein einziges Pflichtspiel verloren hat, wenn ich im Stadion war.

Meine Freundin, die es nicht oft ins Stadion schafft, strahlt die halb gefüllte Süd 45 Minuten vor Anpfiff so glücklich an, da sind alle Kopfschmerzen vergessen und durch hemmungslose Aufregung ersetzt. Ich sag ja immer, dass der BVB international mit jedem mithalten kann. Aber machen sie’s heute auch wirklich? Mein 2:1 Tipp entspringt einem reinen Bauchgefühl, sicher bin ich mir bei nix. Und nippe nervös das alkoholfreie Bier. Genieße die Gänsehaut bei der CL-Hymne. Ziehe scharf die Luft zwischen meinen Zähnen ein, als ich Kevins Name in der Startelf sehe. Wenigstens keine Dreierkette. Haha.

 

Der Rest ist Hoffen, Bangen, Schreien, Schiri beschimpfen, „Messi, Messi“ rufen, wenn Ronaldo eine Aktion verdaddelt. Unterbrochen von ehrlicher Bewunderung von Christiano Ronaldos unglaublicher Ausstrahlung (bei seinem charakteristischen Freistoß-Anlauf blitzt jede Kamera im Stadion auf) und Anerkennung von Özils und di Marias Können. Aber: Mein Team hält da unten mit. Es mauert nicht, es taktiert nicht, es spielt Fußball. Gleichwertig, ebenbürtig – und dann in entscheidenden Momenten sogar besser. Kann etwas einen Fußballfan glücklicher machen? Dieses Glück merkt man dem gesamten Stadion an, die Stimmung ist unglaublich, selbst für Dortmunder Verhältnisse. Ich stehe „nur“ Südost, aber keiner in Block 89 macht Anstalten, sich auch nur ein einziges Mal hinzusetzen. Nach dem  Tor und dem Gegentor vibriert die Tribüne regelrecht. In der 64. Minute explodiert sie. Nobby sagt den Torschützen gleich dreimal durch, und das gesamte Stadion brüllt Marcel Schmelzers Namen dreimal mit aller Inbrunst, eine Art verbaler Mittelfinger gen seinen Kritikern. Internationale Klasse my ass.

Der migränebedingte Schwindel schickt mich nur einmal fast die Stadiontreppe runter, als ich auf die dumme Idee komme, mithüpfen zu wollen. Egal, brüll ich halt meine Stimme aus dem Leib. Nach Abpfiff mit besonderer, inbrünstiger Glückseligkeit. Geschafft. Spitzenreiter. Unfuckingfassbar.

 

7 Kommentare

  1. Das hast Du so geschrieben, dass mir nachträglich noch der Erpelparker kommt. Vielen Dank! (ehrlich!)

  2. huii, die Ina is ja wieder da 🙂 hab dich schon vermisst!

    letzten Mittwoch hab ich auch extrem für den BVB mitgefiebert, hat sich ja auch gelohnt! dieses Jahr klappt’s dann ja wohl mit dem Weiterkommen! toi toi toi!!

  3. hatte schon gedacht du bloggst nicht mehr oder seist mittlerweile nochmal neu umgezogen blogmäßig… da bin ich ja froh 😉

    Ich find es super wie du beschreibst, „dass der BVB immer noch kein einziges Pflichtspiel verloren hat, wenn du im Stadion warst. Das traf auf Heim-Pflichspiele bei mir auch seit 2004 (!) zu – leider Gottes war ich aber beim Derby (ausgerechnet!) anwesend, und so ist diese Serie nach unglaublichen 8 Jahren gerissen. Ich wünsche dir eine ähnlich lange Serie 😉 Gruß !

    1. Ach, ihr, das freut einen aber, so vermisst zu werden! War etwas zuviel Stress zum Bloggen, aber gelobe Besserung und habe nicht vor aufzuhören! 🙂

      Die Serie werde ich Samstag erneut auf eine harte Probe stellen – fahre ganz spontan zum Spiel gegen den VfB… Ich habe aber fest vor, auch eine mindestens 8-Jährige Serie aufzustellen, jawoll! Wobei dein Serienende ja echt bitter war, Daniel. 😦

  4. […] Hamburg bekam geschlossen und anstandslos Tickets, wie in der Gruppenphase. War es in der Vorrunde Migräne, die mich am Spieltag ausknockte, diesmal war’s Heuschnupfen. Trug aber alles nicht zu Beruhigung bei, weshalb ich dann doch […]

  5. […] später war die Wettquote für einen CL-Sieg des BVB schon ordentlich gefallen (ich setzte nach dem Real-Spiel dennoch Geld, so sicher war ich mir auf jeden Fall, dass wir nicht nur anständig, sondern […]

  6. […] später war die Wettquote für einen CL-Sieg des BVB schon ordentlich gefallen (ich setzte nach dem Real-Spiel dennoch Geld, so sicher war ich mir auf jeden Fall, dass wir nicht nur anständig, sondern […]

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