Tschüß, Glücksbringerstatus.

Irgendwann gingen mir in meinem noch jungen Fan-Dasein die Fußballpremieren aus. Deswegen zog der Blog irgendwann von Meine erste Saison hierhin um, und ein bißchen fühlte ich mich ja auch schon wie ein gestandener Fußballfan. Dabei fehlte eine ganz wichtige Premiere, die ich mir aber nicht wirklich herbei wünschte: Die erste Niederlage im Stadion. Zwei Unentschieden (1:1 auswärts gegen den HSV in der Saison 2010/11 und erst kürzlich ein torloses Unentschieden gegen Stuttgart) waren mal dabei. Beim Liga Total Cup verlor der BVB mal. Das hatte aber etwa die emotionale Auswirkung wie die Feststellung, dass beim Bäcker die Lieblingsbrötchen aus sind – maximal leichte Genervtheit.

Ich konnte diese Erfahrung nicht ewig aufschieben, schon klar. Sie hätte aber gerne an einem anderen Tag gemacht werden können – und nicht gegen den Verein, den ich gerne als mein persönliches Schalke bezeichne. Denn der Wohnort hat nun einmal Auswirkungen auf fußballerische Ressentiments. Und ich wohne seit 10 Jahren in Hamburg. 10 Jahre, in dem der muntere Übermut der HSV-Fans, ich möchte es nicht Arroganz nennen, mich angesichts kontinuierlicher Erfolglosigkeit des Vereins komplett mystifizierte. Und nervte.

Tja. Eigentlich musste es ja so kommen. Meine große Klappe teste ich vorzugsweise an HSV-Fans, schrieb auch schon mittelgemeine Blogposts über meine Abneigung zum HSV. Nach der Hinrundenniederlage wurde das nicht besser. Ich schwor mir nur, das Rückspiel auf keinen Fall nur vor’m Fernseher zu schauen. Schließlich habe/hatte ich ja Glücksbringerstatus.

Vier Gegentore und absolute Fassungslosigkeit später muss ich wohl zugeben, dass der BVB Spiele nicht gewinnt oder verliert, weil ich im Stadion bin. Sondern weil er gute oder schlechte Tage hat. Samstag war ein schlechter. Eigentlich war es schon vor dem Spiel klar, dass ohne echten Linksverteidiger einiges schief gehen würde. Trotzdem tippte ich, arrogant und entgegen besseren Wissens, ein lockeres 3:0. Immerhin die Tortendenz stimmte also. Dass HSV-Fans das gleiche tippten, hätte mir zu denken geben sollen.

Erstmals eine Niederlage im Stadion zu erleben, war nicht nur für meine Stimmbänder spannend. Zwischendurch herrschte kurzzeitig gespenstische Stille im Stadion, dann wieder wütende Lautstärke, wobei die Wut sich gegen Hollywood-Darsteller Van der Vaart, einen selten dämlichen Torjubel vor der Süd von Son und – Zitat von meinem Kumpel Till – „Wolfgang Stark in seiner Paraderolle als Manuel Gräfe“ richtete, nicht gegen die Mannschaft. Die sah teilweise so beklagenswert konfus aus, dass man auch gar nicht wütend sein könnte. Da ging gar nix, das war relativ schnell sichtbar. Und Tage, an denen Mats Hummels Kopfballduelle gegen Son verliert, sind definitiv gebraucht.

Vor dem heimischen Fernseher hätte ich mich wunderbar auf wütendes Schimpfen konzentrieren können. Aber die Massen um mich herum dämpften wundersamer Weise den Schmerz, und als die Südtribüne in den letzten Spielminuten trotzig durchsang und die Mannschaft feierte, war ich noch einmal ganz neu verliebt. Ich stellte mir Niederlagen im Stadion immer als semi-traumatisches Erlebnis vor – aber wie bei jedem Trauma helfen wohl Gleichgesinnte am besten. Ich kann zwar auch in Zukunft auf solche Spiele gut verzichten, ich möchte auch den Rest der Woche nicht von HSV-Fans angesprochen werden (Haha!), aber erstaunlicherweise blieb der Großteil meiner Wut zusammen mit meiner Stimme auf der Südtribüne.

Was gut war. Denn die Heimfahrt nach Hamburg trat ich in Begleitung zweier HSV-Fans an. Die sich erstaunlich gut benahmen, schlimmer waren andere Vertreter ihrer Zunft. Und besoffene Karnevalisten. Und der Fan der falschen Borussia, der sich nacheinander mit BVB-, HSV-, und am Ende mit einem Leverkusen-Fan anlegte. Na gut, die beiden lasen mir Pressestimmen vor und etwa alle 10 Minuten platzte etwas aus ihnen heraus. Aber wer kann es verübeln. Und wozu gibt es Bier.

Fast schon versöhnlich endete der Tag, als Zugbegleiterin Tanja (wussten wir dank ihrer Gespräche mit den besoffenen Karnevalisten) kurz vor Hamburg fragte: „Wart ihr auch beim Karneval, so wie ihr angezogen seid?“ „Nein, nein, schon im Stadion,“ sagte ich. „Aber das Trikot, das er da an hat, würde ich auch nur zum Karneval anziehen.“ Verstand Tanja nicht. Komisch.

efblI

PS: Die Premieren werden mir nicht ausgehen, das zeigte mir HSV-Begleiter Kai. Der sah am Samstag den ersten Auswärtssieg seines langen Fanlebens. Gratulation. Zähneknirschend.

6 Kommentare

  1. „mein persönliches Schalke“ sehr schön – so wie der ganze Artikel!

    1. Danke! 🙂 Wenn wir am 5.3. zusammen CL gucken, läuft das wieder anders.

  2. Tja, habe vor dem Spiel auch 3:0 getippt. Allerdings auch noch bevor ich die Aufstellung gesehen habe. Schön, dass wenigstens die Stimmung im Stadion nicht komplett im Eimer war. Das habe ich in der Kneipe gar nicht mitbekommen – nur dass viele Sitzplätze schon vor Schlusspfiff leer waren.

    1. Hi Nick, der Eindruck im TV täuschte nicht, die Seiten waren teilweise katastrophal, wir haben uns echt gefragt, wer diese Leute sind und wie die an Tickets gekommen sind. Vor allem die Massenflucht weit vor Spielende hat mich genervt. Die Süd hat sich aber dafür doppelt ins Zeug gelegt. War stimmungstechnisch für mich tatsächlich eines meiner absoluten Stadion Highlights, auch wenn das irgendwie absurd klingt.

  3. Dankeschön! 🙂

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