Oscartippen schwer gemacht

Ich gestehe: Die Oscars sind meine große, jährliche, „leicht“ obsessive Schwäche. Ich liebe den Pomp, den Kitsch, die schlecht geschriebenen Witzchen und die Überlänge. Seit ich denken kann, wird eisern durchgehalten und nur selten eingenickt. Für das Durchstehen langer Oscar-Nächte selbst bei Krankheit könnte ich euch viele Tipps geben – aber das ist ja nicht wichtig. Wichtig sind die Filme. Und die Kleider. Und die Tränen. Ach.

Natürlich wird vor der jährlichen Extravaganza geguckt, was in die Finger zu kriegen ist, bis ins Detail diskutiert, analysiert und sorgfältig getippt. Meine Oscar-Tipps werden dabei mit wissenschaftlicher Präzision angegangen, denn eigentlich ist fast nichts vorhersehbarer als die Oscar-Gewinner. Man darf also nicht nach dem Herzen tippen, sondern nur nach höchstgradig nerdigem Oscar-Wissen. Angehäuft über Jahre der Obsession.

Meine Tipps waren fertig. Ein Blogpost mit meinen Tipps geschrieben. Und dann das Problem. Hier folgt Geständnis Nummer 2.

Ich habe eine große, große filmische Schwäche: Musicals. Ich weiß, ich weiß. Kaum ein Filmgenre vereint Hass und Liebe von Filmfans so effektiv auf sich. Kann ich verstehen. Gesungene Dialoge sind gewöhnungsbedürftig, und die Künstlichkeit des verfilmten Musicals ist nix für Fans subtilen Autorenkinos. Aber andere lieben schrottiges Actionkino oder kitschige Romantic Comedies, zwei Genres, die ich wiederum links liegen lasse – ich hüpfe dafür bei jedem neuen Musicalfilm-Trailer auf und ab. Leider wird die Vorfreude oft enttäuscht. Nicht so bei „Les Misérables“. Ich war begeistert. Von dem Kontrast aus künstlich wirkender, theaterhafter Inszenierung und intim gefilmten Gesangsszenen. Von Anne. Und Hugh. Und Eddie. Sogar Russell fand ich mal gut, das will etwas heißen.

So, und jetzt? Meine Oscar-Tipps waren schon fertig, und jetzt gilt es die frische Begeisterung über „Les Misérables“ zu unterdrücken und nicht alle Tipps spontan umzuändern. Nur weil Hugh Jackman mich gestern im Kino zu herzhaftem Schluchzen gebracht hat, gewinnt er noch lange nicht den Oscar. Aber es wäre so schön.

Ich lasse meine Begeisterung natürlich nicht mit meinen schwer wissenschaftlichen Tipps kollidieren, man ist ja gestandener Profi. Aber ich tanze, wenn die sechs Hauptkategorien morgen folgendermaßen besetzt sind und der grauenvolle „Lincoln“ leer ausgeht:

Bester Film: Beasts of the Southern Wild (alternativ auch Les Misérables). Realistisch wird’s Argo oder Lincoln.

Bester Regisseur: Benh Zeitlin für Beasts of the Southern Wild. Realistisch wird’s Steven Spielberg.

Bester Hauptdarsteller: Hugh Jackman für Les Misérables. Realistisch wird’s Daniel Day-Lewis.

Beste Hauptdarstellerin: Quvenzhané Wallis für Beasts of the Southern Wild. Realistisch wird’s Jennifer Lawrence.

Beste Nebendarstellerin: Anne Hathaway für Les Misérables. Realistischer Tipp.

Bester Nebendarsteller: Robert De Niro für Silver Linings Playbook. Realistischer Tipp wenn Waltz es nicht wieder schafft.

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