Oscar Preview (diesmal fast ohne Musicals)

Nachdem mir gestern meine Begeisterung für Les Misérables fast meine Tipps verhagelt hat, hier realistisch und ernsthaft meine Oscar-Vorschau für heute Abend. Eine Prognose, welcher Film der Abräumer des Abends wird, wage ich nicht. Vielleicht gibt es bei dem insgesamt sehr starken Film diesmal ja tatsächlich keinen.

 

Best Picture:

Ein starkes Feld in diesem Jahr, mit vielen potenziell verdienten Siegern. Nur „Lincoln“ gefiel mir gar nicht mit seiner geschichtsverzerrenden Heldenverehrung, getränkt in Pathos. „Amour“ habe ich wegen einer ausgeprägten Abneigung gegen Michael Haneke nicht gesehen, der dürfte für „Best Foreign Language Film“ gesetzt sein, viel mehr halte ich für unwahrscheinlich. Der Rest sind überaus gute bis sehr gute Filme, ohne jeden Zweifel. Aber „Beasts of the Southern Wild“ ist Perfektion. Sollte die Academy Magie und pures Talent statt Materialschlacht und Stars belohnen wollen, wäre ich glücklich. Denn „Beasts of the Southern Wild“ hätte die gesteigerte Aufmerksamkeit durch einen Gewinn wirklich verdient – ein wundervoller Film. Und für mich persönlich klar der Beste in einem extrem guten Kinojahrgang. Dicht gefolgt von „Les Mis“, aber da bin ich ja nicht ganz objektiv.

Mein Tipp ist der überragend erzählte „Argo“, solide Hollywood-Unterhaltung, die eine breite Masse anspricht und dennoch einfach gut ist.

Best Actress:

Ein relativ schwaches Jahr für die Frauenrollen. Realistischer Tipp ist Hollywoods aktuelles Darling Jennifer Lawrence für ihre wirklich gute Darstellung der psychisch instabilen Tiffany im wunderbaren Film „Silver Linings Playbook“. Jessica Chastain empfand ich als nicht 100% passend gecasted und deutlich weniger „awardwürdig“. Aber wie toll wäre, wenn es Quvenzhane Wallis wird – ein Mädchen, das sich ins Vorsprechen hineinlügen musste, weil sie noch nicht wie verlangt 6 Jahre alt war. Ein Mädchen, das einen ganzen Film trägt, mit einem so unfassbaren Talent und Instinkt, dass jeder Hollywoodstar erblassen sollte. Es ist auch fraglich, ob so ein früher Oscar-Gewinn gesund für ein Kind ist. Aber ihre Darstellung berührte und erstaunte mich am meisten – was soll aus so einem talentierten, hübschen, intelligenten Mädchen denn bitte erst werden, wenn sie groß ist?

 

Best Actor:

Die besten Szenen des verquasten „The Master“ sind die, in denen Joaquin Phoenix und Philip Seymour Hoffman ihr Talent einfach gegeneinander ausspielen. Gegen Ende des Films spricht Hoffman einen langen Monolog, die Kamera fängt im Close-Up Joaquin Phoenix’ Gesicht ein – eine Landkarte der Emotionen. Man möchte ihm stundenlang zusehen, wie er mit jeder Falte seines Gesichts und jedem Muskel seines Körpers den gebrochenen, alkoholabhängigen, vermutlich geistig gestörten, Freddie Quell spiel. Phoenix ist ein Schauspieler wie eine Naturgewalt. Dass er keinen Oscar im Schrank stehen hat, ist ein Unding. Andererseits: Hugh Jackman! Andererseits: Daniel Day-Lewis! Letzterer trägt Lincoln so komplett, dass er gewinnen wird. Und man dürfte sich nicht einmal beschweren. Sollte es eine Überraschung geben, wird es wohl am ehesten Hugh Jackman sein – einen unverdienten Sieger gibt es in dieser stark besetzten Kategorie aber sowieso nicht.

Best Supporting Actress:

Da hat die Anne Hathaway aber Glück gehabt. In einer sehr schwachen Kategorie hat eigentlich keiner eine Chance gegen sie. Jacky Weavers und Amy Adams’ Rollen reichen schlicht nicht für einen Oscar, Sally Field überspielt zu stark, nur Helen Hunt könnte realistisch eine Konkurrenz sein. Dazu muss man dazu aber auch sagen, dass ungeachtet jeder irrationalen Vorliebe für Musicals Anne Hathaway auch so unglaublich gut ist.

Best Supporting Actor:

Eine toll besetzte, deswegen schwer zu tippende Kategorie. Alle fünf hätten es verdient und haben großartig gespielt – aber „Silver Linings Playbook“ ist so ein perfekt besetzter Film bis in die kleinste Nebenrolle hinein, da kann man Robert De Niro endlich mal wieder berücksichtigen. Sein letzter Oscar ist 32 Jahre her. Also bitte.

Best Direction:

Ich erwähnte bereits, dass ich „Beasts of the Southern Wild“ sehr gut fand? Ich beschwere mich aber auch nicht über einen Gewinn für Ang Lee („Life of Pi“). Aber am meisten ärgert mich, wer fehlt: Kathryn Bigelow wird nach ihrem Gewinn als erste und einzige Frau wieder ignoriert, obwohl „Zero Dark Thirty“ eine so sorgfältige Regiearbeit ist, dass eine Nominierung das Mindeste gewesen wäre. Und Ben Affleck, der meiner Meinung nach „Best Picture“ mit nach Hause nehmen wird, darf sich zu Recht beschweren, dass seine überragende Regieleistung in „Argo“ nicht einmal mit einer Nominierung anerkannt wurde. Dafür hat er immerhin fast jeden anderen Regiepreis gewonnen. Eine angemessene Rache, denn „Argo“ ist ein perfekt erzählter Film, der keine Atempause lässt. Wahrscheinlich wird’s Spielberg. Leider. Denn Lincoln ist das Gegenteil, schlampig erzählt und viel Zeit für Nickerchen.

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