Liebe Frau Reiche!

Liebe Frau Reiche, lieber Herr Geis, lieber Herr Kauder, lieber Herr Seehofer.

Ich möchte Ihnen allen etwas erklären. Und zwar Artikel 3 unseren Grundgesetzes. Da ich allmählich das Gefühl habe, dass Sie alle mit diesem Artikel bisher noch nicht ausreichend vertraut sind.

„Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“ Gar nicht so ein schwerer Satz. Eigentlich bräuchte es Artikel 3.2 und 3.3 dahinter gar nicht mehr, die ebenso klar und deutlich ausdrücken, dass mit „alle Menschen“ Frauen und Männer, Ausländer und Deutsche, Menschen mit und ohne Behinderungen gemeint sind. Ja, sexuelle Orientierung ist dort jetzt nicht explizit erwähnt. Dementsprechende Anträge auf Änderung des Artikel 3 wurden von Ihren Parteikollegen nämlich schon mehrfach als „überflüssig“ abgelehnt. Weil „alle Menschen“ ja das „alle“ bereits beinhaltet.

Naja. Manche Menschen sind halt gleicher als andere. Denn wenn es nach Ihnen geht, sind nur heterosexuelle Ehen echte Partnerschaften, nur Mama und Papa mit Kind echte Familien, alles andere sind, wie hieß das so schön? „Rechtsrandgebiete“. Nicht so wichtig, weil nur im „Promillebereich“.

Tja, lieber Herr Geis, liebe Frau Reiche, lieber Herr Seehofer, lieber Herr Kauder und offenbar leider auch liebe Frau Merkel – da haben Sie aber ein lustiges Verständnis von Demokratie. Manche Themen sind nicht so wichtig, weil sie nur eine Minderheit betreffen? Herrlich. Wie viele Themen man da locker streichen könnte. Sie und Ihre Berufsgenossen hätten schlagartig fast nichts mehr zu tun.

Das Dumme: Sie, Frau Reiche, Herr Kauder, Herr Seehofer, Herr Geis, Sie sind die Minderheit. Sie gehören zur den letzten Instanzen verbohrter Vorstellungen von Familie und Ehe. Sie sind mit den Köpfen im vorletzten Jahrhundert hängen geblieben mit Ihrer geliebten „bürgerlichen Ehe“. Sie, Herr Seehofer mit Ihrer zweiten Ehefrau und dem unehelichen Kind. Sie, Herr Kauder, mit Ihrer kinderlosen Ehe. Gegen Frau Reiches und Herrn Geis Familienstand lässt sich natürlich nichts sagen, da sie sich vorschriftsmäßig heterosexuell um den Fortbestand der Menschheit gekümmert haben, natürlich ehelich. Mit dem Hass, den gerade die letztgenannten hemmungslos versprühen, stellen Sie außerdem den Fortbestand von Homophobie und Diskrimierung sicher. Während über 60% der Deutschen schon längst mehrere Schritte weiter sind.

Sie Lieben – ungerne eröffne ich Ihnen, was außer Ihnen jeder längst weiß: Wir leben im 21. Jahrhundert. In einer Demokratie. Mit funktionierenden Verfassungsorganen. Gewöhnen Sie sich dran.

Mit freundlichen Grüßen,
Ein Rechtsrandgebiet

8 Kommentare

  1. […] Liebe Frau Reiche!. […]

  2. 🙂 Danke! Gleich mal geteilt. Kannst aber gern weitergehen im Grundgesetz.Paragraph 6 nennt die Ehe schützenswert: „(1) Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung. (2) Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft…“ Wo ist denn definiert, dass die Ehe aus Mann und Frau bestehen muss? Wo steht denn, dass eine Ehe zwangsweise Kinder haben muss. Ich lese da ein „Ehe und Familie“ sind schützenswert. Wie kommt man zu der Behauptung, dass uns kein Ehegattensplitting zusteht, da eventuelle Kinder fehlen? Es heißt doch Ehegattensplitting (wegen der Pflichten die man erfüllt, etwa Unterhalt etc. wenn’s mal schief geht und daher bekommt man während der Ehe Hilfe / Rechte) und nicht Kindersplitting… Eine schräge Argumentation. Allein der von dir zitierte Paragraph 3 und der 6er reichen aus, um die ganze Absurdität herauszustellen…

  3. Reblogged this on Ulla Keienburg s Blog und kommentierte:
    Das kann ich nur Unterschreiben…… Grüße auch von einer aus dem „Rechtsrandgebiet“

  4. Kurze Anmerkung: Katherina Reiches Kinder (zumindest zwei der drei) sind unehelich geboren.
    http://www.faz.net/aktuell/politik/portraet-katherina-reiche-jung-weiblich-und-aus-dem-osten-171508.html

    1. Hah! Das macht’s ja noch besser.

  5. Barleben · · Antwort

    Ich unterstütze die Gleichstellung der Homosexuellen in allen Belangen, mir ist wichtig, das mein Kind glücklich ist ! Ebenso durch das Grundgesetz entsprechend behandelt und frei von negativen Aspekten behaftet umfassend gesetzlich anerkannt leben kann ! Eine Mutter, die weiß wovon sie schreibt !

  6. S.Schulz · · Antwort

    Man möge sich einmal überlegen wer über das Tun und Handeln im Privatleben anderer Menschen „mitbestimmt“, wie , was, wo etc. diese zu tun und zu lassen haben !! Demokratie sieht anders aus !!

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