Eine Nachspielzeit für die Ewigkeit

Zweimal schaffte es mein Handy, Nachrichten aus dem überlasteten Netz des Westfalenstadions zu senden. Einer aus der Halbzeit und einer, während ich mich erschöpft von minutenlanger Jubelekstase gegen meinen Sitz lehnte. Was ich gestern im Stadion miterleben durfte, das wird einer dieser Momente, den ich mit zittriger Stimme noch meinen Enkeln erzählen werde.
Halbzeittweet

Bildschirmfoto 2013-04-10 um 11.39.54

Zwischen den beiden Tweets liegen Hoffnung, Verzweiflung, Wut, Resignation, Trotz, Ungläubigkeit und unfassbarer Jubel. Mein unerschütterlicher Optimismus bekam diesmal einen Dämpfer von der eigenen Mannschaft – auf dem Rasen sah ich das schlechteste Spiel, das der BVB diese Saison in der Champions League gespielt hat. Dann noch Gegentor. Scheiße. Aber: Noch alles drin. Die Tribünen bäumten sich auf, dann der genial von Reus eingeleitete Treffer – und da war sie, die Hoffnung. Natürlich würden sie das noch packen. Natürlich würde Jürgen den Jungs in der Kabine einen ordentlichen Einlauf verpassen, Felipe gegen Mats eintauschen, den extrem unglücklichen Kuba rausnehmen. Natürlich.

Leider wurde es nicht wirklich besser. Pässe gingen ins Aus, zum Gegner. Gündogan war überragend, mit zunehmenden Spielverlauf konnte ich einzelne Spieler aber nicht mehr unterscheiden. Tunnelblick. Und dann, in der 82.: Resignation. Eiserne Stille im Westfalenstadion, abgesehen vom Gästeblock. In unserem Block, weit unter dem Dach auf der Westtribüne, hätte man eine Stecknadel fallen gehört. Ich selbst brauche eine Weile, meine Schockstarre abzuwerfen. Die – nicht wenigen – Personen, die nach dem 1:2 das Stadion verlassen, machen es einfacher, kurz fokussiere ich meine Wut auf diese „Fans“ statt auf die Männer auf dem Platz.

Nobby rüttelt das Stadion wach: „Noch 4 Minuten! Gebt alles!“ Er wird erhört. Auf den Rängen und auf dem Platz. Die Nachspielzeit wird zu jenem rauschartigen Erlebnis, von dem ich meinen Enkeln erzählen werde. Ausgerechnet Felipe Santana! Schon wieder! 2013 in Dortmund geborene Kinder werden überdurchschnittlich oft Felipe heißen.

Als Felipe den Ball irgendwie über die Torlinie friemelt, wird das Stadion zum Tollhaus. Umarmungen mit wildfremden Menschen, unmenschliche Geräusche des Jubels, die Tränen der Erleichterung laufen übers Gesicht. Danke, Borussia Dortmund. Danke, danke, danke.

10 Kommentare

  1. WAUW! Gänsehaut pur…

  2. Als HSV muss ich meinen Tribut zollen. Geiles Spiel, geiler Kommentar!

    1. Ich wollte schon fragen, wie du als HSV deinen neuen Captain findest. 😉 Danke dir!

  3. […] ins Internet gebracht, einen persönlichen Gefühlsbericht aus dem Stadion hat auch Ina bei Tor-Szenen geschrieben, und Stephan ‘Dembowski’ Uersfeld beschreibt anhand des Spiels bei ESPN die […]

  4. […] Eine Nachspielzeit für die Ewigkeit (Tor-Szenen) – […]

  5. […] Nacht. Nick von Any Given Weekend weiß nur, dass genug Wahnsinn bleiben wird.  Und Ina von Torszenen befürchtet einen neuen Trend in Dortmund. Die Kinder werden jetzt Felipe heißen. Kikandrund […]

  6. Hach. Schon wieder fast ein Tränchen verdrückt. Das hört nicht auf. 🙂

  7. […] hin, überlegte schon, was ich auf die Pieksereien der Fans anderer Vereine erwidern würde. Und dann kam alles ganz anders. Im Jubeltaumel, mit dem Gefühl absoluter Unbesiegbarkeit, war mir der Rest der Saison egal. […]

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