Mehr als ein Spieler

Wer hier schon länger liest, weiß: Mario Götze ist einer der Spieler, die mich erst zum BVB-Fan gemacht haben. Ach, was sag ich, Bundesliga-Fan. Als böser Erfolgsfan bin ich dementsprechend nicht mit dem Auseinanderbrechen von Erfolgsmannschaften vertraut – und dachte, dass die Weggänge von anderen Lieblingsspielern (Kagawa, Sahin) mich darauf emotional vorbereitet hätten.

Pustekuchen. Die Wechselmeldung des heutigen Morgens fühlt sich an wie ein Schlag in die Magengrube. Klar geht Mario Götze irgendwann. Aber doch nicht zu Bayern! Und doch nicht einen Tag vor’m Champions League-Halbfinale verkünden, nur weil die nicht sportbezogenen Meldungen der letzten Tage dem FCB ein wenig zu bunt wurden (und dass das der Grund für die unverhoffte Sensationsmeldung war, ist kaum ernsthaft zu bezweifeln). Meine Laune wird heute erst nach einer krachenden Niederlage von Bayern wieder hergestellt sein. Liebe Leute, in meinem dritten Jahr Bundesliga habe ich es endlich wirklich verstanden, worüber die Toten Hosen singen. Endgültig.

Mario Götze ist unzweifelhaft das größte deutsche Fußballtalent. Gestern (!) schickte ich dem großen Bruder meines Patensohns ein Götze-Trikot nach Brasilien. Mit einem Brief dazu, dass Götze ein ganz Großer sei und nächstes Jahr bei der WM in Brasilien groß auftrumpfen wird. Der Papa des 11-Jährigen Kevins (dem ich wohl lieber mal ein Trikot seines Namensvetters geschickt hätte) wird mit diesem Geschenk inklusive Begleitbrief sicher viel Freude haben. Geschenke sollen ja Freude machen, nicht wahr.

Ich habe allerhöchsten Respekt vor Mario Götze als Fußballer. Ich hatte eine tolle Zeit mit ihm, der BVB hatte eine tolle Zeit mit ihm. Wir werden in der Nationalmannschaft auch noch viel Spaß mit ihm haben. Die persönliche Sympathie ist allerdings heute den Bach runtergegangen, weil mir schlicht das Verständnis für den Wechsel zu diesem Zeitpunkt fehlt. Besonders angesichts seiner Äußerungen in jüngster Vergangenheit, seiner Vertragsverlängerung während der laaaangen Verletzungspause. Ach, Mario. Ich verstehe, dass der Ruf des Geldes und von Pep Guardiola verführerisch ist. Aber ach.

Noch weniger Verständnis habe ich nur für die Leute, die Götzes Facebook-Pinnwand seit Stunden mit unfassbarem Scheiß vollposten. Leute, wir reden von einem 20-Jährigen Profisportler, der demnächst 12 Millionen Euro im Jahr verdienen wird. Ein Karriereschritt, in seinem Job, denn Götze ist Sportler, kein Fan. Es mag weh tun, sehr sogar, aber die Welt geht nicht unter. Schon gar nicht rechtfertigt es, einen 20-Jährigen auf übelste Art und Weise zu beschimpfen. Ich werde Götze bestimmt mal auspfeifen. Wenn er in Rot aufläuft. Nächste Saison.

Ich gehöre zu den Leuten, die sich in ein Team verliebt haben, in dem Mario Götze spielte. Aber eben nicht nur. Die Seele des Vereins ist nicht auf dem Platz, die ist auf den Tribünen, in den Herzen und den Kehlen der Fans. Mein zweitgrößter Gänsehautmoment (Málaga kann nichts toppen) im Stadion bisher? Zehn Minuten trotziger Dauergesang der Südtribüne beim Stand von 1:4 gegen den HSV. In guten und in schlechten Zeiten, das weiß sogar ich, die noch keine schlechten Zeiten erlebt hat (und ja, ich weiß daher auch immer noch nicht, wie ich auf sie reagieren werde). Auf jeden Fall ist aber egal, wer da unten auf dem Platz steht.

Denn, wie die Fanabteilung des BVB auf Facebook so schön schrieb: „Borussia Dortmund wird auch in der Saison 2013/2014 mit elf sehr guten Fußballern auf dem Feld stehen und von 80.000 Fans unterstützt werden.“ Eben.

Und: Força Barça!

(Über Uli „ich möchte keine spanischen Verhältnisse“ Hoeneß bald an dieser Stelle, nach ein paar Tagen durchatmen. Man sieht ja in diesem Internet ständig, was passiert, wenn Menschen mit Wut im Bauch schreiben. Und meine Güte, bin ich sauer.)

9 Kommentare

  1. Schöner Text. Am gestrigen Tag hat auch wirklich gar nichts geklappt. Und ich kann dich sehr gut verstehen, dass die Wut auf den feinen Herrn H. deutlich größer ist als auf Götze – geht mir genauso.

  2. […] dieses Talent hat sich auch Ina Steinbach (Torszenen) verguckt. Noch am Montag hatte einem Jungen in Brasilien ein Götze-Trikot geschickt. (Nicht ganz […]

  3. OK, auch wenn (oder: gerade weil) ich als Bayern-Fan eine etwas Sicht auf die Dinge habe, will ich nach langem stillem Mitlesen hier im Blog auch mal was sagen:
    Zunächst mal kann ich deine Verärgerung über den Wechsel gut nachvollziehen. Aber sei einfach mal ehrlich: wenn dir jemand grob geschätzt 50% mehr Gehalt bietet, um in einem besseren Umfeld zu arbeiten (bei allem Respekt vor den BVB-Erfolgen der letzten Jahre sind die Bayern doch ein Stück voraus, was das Gesamtpaket angeht), wie lange hättest du da überlegt? Und dass Götze wohl eher früher als später weg ist, hätte wohl spätestens seit dem Moment klar sein müssen, als er eine Ausstiegsklausel in seinen neuen Vertrag hat schreiben lassen. Und wenn dann nur 37 Millionen (oder wie viel es jetzt auch immer sind) auf dem Preisschild stehen, kann es halt mal ganz schnell gehen, dass ein Verein erst mal nachfragt und dann zugreift. Warum fragt eigentlich niemand die BVB-Vereinsführung, was die getrieben hat, Götze so einen Vertrag anzubieten? Pure Verzweiflung, er würde sonst überhaupt nicht verlängern?
    Den Zeitpunkt des Bekanntwerdens finde ich übrigens auch sehr unglücklich. Im Gegensatz zu dir glaube ich aber nicht, dass das Leck auf der Bayernseite liegt. Denn wenn die Bayern so kurz vor dem Barca-Spiel etwas garantiert nicht haben wollten, ist es noch eine weitere große öffentliche Diskussion, die vom Spiel ablenken könnte. Selbst wenn diese für sie wesentlich positivere Schlagzeilen macht als Herr Hoeneß.

    So, und jetzt noch ein versöhnliches Schlusswort: Viel Erfolg heute Abend! Ich hoffe, wir sehen uns in Wembley.

    1. Sieht gut aus mit Wembley, oder? Gratulation zu eurem fantastischen (!!) Spiel, ich war platt. Das wird ein Hammerfinale.

      Als neutraler Beobachter würde ich Mario Götze verstehen, ehrlich. Als BVB-Fan aber nun leider nicht. Manchmal kann man gegen Gefühle nichts machen – aber gestern habe ich mich einfach an seiner Spielweise erfreut und auf die wenigen verbleibenen Spiele mit ihm in Schwarzgelb. Da habt ihr euch einen ganz, ganz Großen geholt. Leider.

  4. Vergleicht man Einkaufs- und Verkaufspreise, wäre der BVB nun im Sommer in der Lage ca. 70 Kagawas zu kaufen … dabei würde einer schon reichen 🙂

    Allerdings befürchte ich, dass im Sommer auch noch Lewandowski gehen könnte, vor allem nach der gestrigen Gala, die mich sehr euphorisierte!

    Bedenkt man, wer so alles bei den Bayern auf der Bank sitzt, könnten beide allerdings ihren Wechsel zu den Bayern auch noch bereuen … aber zumindest der Mario soll ja Guardiolas Lieblingsspieler sein, da droht dann eher Kroos, Müller oder Robben die Bank.

    Beim BVB bin ich mir sicher, dass auch im nächsten Jahr eine gute Elf auf dem Platz stehen wird … vielleicht ist das nun die Chance für Bittencourt oder eines bisher noch völlig unbekannten.

    1. Ach, klar, da wird ordentlich und hoffentlich mit Bedacht nachgekauft, da mache ich mir keine Sorgen. Aber das größte deutsche Nachwuchstalent hätte man halt doch gerne bei sich.

  5. „und dass das der Grund für die unverhoffte Sensationsmeldung war, ist kaum ernsthaft zu bezweifeln“

    Warum eigentlich nicht? Überall wird auf die bösen Bayern gezeigt, dass sie das geleakt hätten. Natürlich absichtlich. Ich glaube das nicht. Zumal es ja auch andere Stimmen gibt. Der geschötzt Raphael Honigstein meinte sogar aus dem Dortmunder Team, andere meinten ein Weg über die Nationalspieler und dann Madrid könnte es gewesen sein. Mein Verdacht ist, dass es tatsächlich ungewollt am Dienstag rauskam. Zumal auch Bayern dadurch Unruhe bekommt. Daran haben die auch kein Interesse.

    1. Ich glaube nicht, dass das Bayern war, sondern Uli höchstselbst. Achte parallel mal auf die BILD-Berichterstattung über den Fall Hoeneß, finde ich schon sehr bedenklich. Aber wir werden es nie wissen – nur ungewollt war da gar nichts. Irgendwer wollte das rausbringen.

  6. Ich mag eigentlich gar nicht mehr über dsa Thema nachdenken oder gar reden, aber ich muss noch mal kurz ein Sternchen unter diesen Text setzen, weil er mir aus dem Herzen spricht.

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