Ein persönlicher Blick auf #ChangeBrazil

2002 war ich das erste Mal in Brasilien. 10 Tage, keineswegs ein idealer Urlaub – aber einer, der aus unerfindlichen, irrationalen Gründen dafür sorgte, dass ich am liebsten nicht wieder abgereist wäre. Ich fuhr wieder. Und wieder. Und wieder. Fand Freunde, lernte die Sprache, verliebte mich mit jedem Besuch mehr in das Land, lernte die schlechten Seiten Brasiliens kennen, nichts konnte meine Liebesbeziehung zum Land beenden. Brasilien ist „mein“ Zweitland, mein bevorzugtes Urlaubsziel, die Heimat sehr lieber Freunde & meines Patensohnes, ein Ort auf der Welt, an den mein Herz irrational und für ewig verloren ist. Als die WM nach Brasilien vergeben wurde, schluckte ich trotzdem einmal. „Das packen die nicht!“ So auch der Tenor in meinem brasilianischen Freundeskreis. Dennoch, es war geschehen und die Planungen gingen los. Keiner protestierte wirklich lautstark.

Als ich zum Jahreswechsel 12/13 in Brasilien war, bewunderte ich die Baustelle des von außen hübschen Stadions in Brasília und steigerte mich in eine große Vorfreude auf die WM hinein. Eine Vorfreude, die übrigens an allen Ecken und Enden bei den Brasilianern ebenso spürbar war.

SAM_0187 SAM_0186 Stadion Brasilia im Januar 2013

In die Vorfreude waren aber laute, deutliche Missstöne gemischt. Die enormen Ausgaben, die teils komplett unsinnigen Stadionneubauten (das oben abgebildete lag damals schon ganz vorne), die gleichzeitigen sozialen Probleme und gestiegenen Kosten landesweit – im Januar war ein Grollen bereits hörbar, spürbar. Wie soll es auch nicht Grollen, wenn einfachste Lebensmittel im Supermarkt europäische Preise aufweisen, während der Mindestlohn bei 700 Reais liegt (234 Euro)? Mein letzter Brasilienbesuch war 5 Jahre zuvor, und das Land, das ich 2013 besuchte, war ein anderes. Sicherer, „entwickelter“ (wenn das auch ein doofes Wort ist) – teurer. Viel, viel teurer. Wir waren gewarnt wurden, dass die Preisentwicklung absurde Ausmaße angenommen hatte, aber selbst als im Verhältnis immer „reicher“ europäischer Tourist musste ich schlucken. Wie Brasilianer sich ihr Boomland selbst leisten können, war mir schleierhaft.

Den krassesten Wandel beobachtete ich in Rio de Janeiro. Eine wunderschöne Stadt, vielleicht die Schönste (ihre Einwohner sind sich dessen eh sicher), so war Rio doch immer mit einem Unsicherheitsgefühl verbunden. Immer über die Schulter schauen, Nachts bloß nicht alleine raus, Augen auf bei den Taxen, kein Handy an den Strand. Mir war in Rio nie etwas passiert, aber ich beachtete immer eine lange Reihe von Sicherheitsmaßnahmen. Diesmal warf ich alle am ersten Tag über Bord. Nicht nur brauchte ich am Strand das 20fache des Geldes, das noch beim letzten Brasilienbesuch gereicht hatte, ich war auch gefühlt die einzige ohne iPhone. Klar, es war Ipanema, aber auch an anderen Strandabschnitten beobachtete ich offen zur Schau getragene Wertgegenstände, eine Nachlässigkeit, die ich in Rio noch nie gesehen hatte. Wenn die Einheimischen sich sicher fühlen, tut man es als Tourist immer auch. Klar, meine Freunde erzählten von der „Befriedung“ der Favelas, mit sehr gemischten Meinungen dazu, die höhere Polizeipräsenz trug zum Sicherheitsgefühl natürlich bei. Ich konnte mir nicht helfen – ich war der WM & der Olympiade durchaus dankbar dafür, dass Rio sich so zum Guten gewandelt hatte. Meine Freundin, die 5 Jahre zuvor das erste Mal in Brasilien war und Rio damals furchtbar fand, fühlte sich sauwohl. Verknallte sich sogar ein wenig in die Stadt. Schön!

Aber: Die Preise! Meine Güte, die Preise! Wenn Basislebensmittel teurer sind als in Europa, obwohl sie AUS BRASILIEN stammen, dann ist etwas schief gelaufen. Freunde rechneten mir ihre Ausgaben für die private Schulbildung (alles andere wäre Wahnsinn wegen der immer noch beschissenen öffentlichen Bildungseinrichtungen), für das Haus, für Lebensmittel und den simplen Alltag durch – Wahnsinn. Selbst für sie, stabil in der gehobenen Mittelschicht. Gleichzeitig beobachteten wir mit leichter Abscheu im Urlaubshotel die Superreichen, mit ihren zwei Nannies für zwei Kinder, vom Chirurgen geformten Körpern und der abfälligen Haltung gegenüber allem Personal. Man spürte und sah die Schere, die sich auftat, zwischen denen da unten (inklusive der Mittelklasse) und denen da oben. Die gab es allerdings schon immer und nie protestierte wirklich jemand laut dagegen.

Gottseidank ist es jetzt endlich explodiert! Die Demos in ganz Brasilien machen mich glücklich, weil das Land genau das brauchte. Mit der WM oder dem Confed Cup hat das alles wenig zu tun – das waren die Auslöser, damit das gärende Fass endlich dem Druck nachgibt. Korruption, Gewalt, Ungleichheit prägen das Land, da oben profitieren sie vom Wachstum, während die unten sich ihr eigenes Land nicht leisten können. Mittendrin verlangt eine Mittelklasse lautstark den nächsten Entwicklungssprung, mit funktionierender Infrastruktur, guter Bildung, guter medizinischer Versorgung – alles auf dem Niveau, das der Wirtschaftsmacht Brasilien angemessen ist. Das Geld scheint ja da zu sein, wenn man zwei sportliche Großveranstaltungen finanzieren kann. Ich gebe ehrlich zu – ich habe den Brasilianern solche Massenproteste nicht zugetraut, zu sehr schien mir das Land mit der Korruption der politischen Klasse arrangiert, zu sehr gewöhnt an das „jeitinho brasileiro“, diese schwer greifbare „Mittelchen“, um Probleme aller Art durch Mauschelei zu lösen. Das Jeitinho Brasileiro nutzt jeder, auch als Tourist lernt man es schnell – Regeln sind Leitlinien, mehr nicht. Als regelkonformer Deutscher die größte Umgewöhnung in Brasilien. Auf Facebook posten meine Freunde nun Aufrufe, dass auch „Otto Normal-Brasilianer“ (Fulano/Fulana auf Portugiesisch) sich das „Jeitinho“ abgewöhnen sollte – also Steuern zahlen, richtig parken, Regeln einhalten, keine Mauscheleien. Die Diskussion ist über den politischen Protest hinaus gewachsen zu einer Debatte über die Gesellschaft an sich, so zumindest mein Eindruck als sehr interessierter Außenstehender. Spannende Dinge tun sich in Brasilien – vielleicht fühlt sich mein Lieblingsland ja schon nächstes Jahr wieder ganz anders an.

Ja, den letzten Satz lest ihr richtig – natürlich fahre ich nach wie vor zur WM, zumindest beim derzeitigen Stand der Dinge (viel hängt davon ab, wie die FIFA sich verhält, Herr Blatter hat sich wie immer nicht mit Ruhm bekleckert). Boykottaufrufe halten ich für großen Blödsinn – denn wie soll das Geld bitte wieder reinkommen? Das Kind liegt jetzt schon längst im Brunnen, das Projekt WM 2014 hätte schon vor 7 Jahren gestoppt werden müssen. Selbst die Produzentin des millionfach verbreiteten Videos „No, I am not going to the World Cup“ sagt im Interview, dass sie nicht für einen Boykott ist – aber die Leute sollen im Bewusstsein fahren, was die WM mit dem Land angestellt hat und welche Probleme es in Brasilien gibt.

Absolut empfehlen zu Hintergründen der Proteste und einem Bericht direkt aus Brasilien möchte ich euch diesen Beitrag im ohnehin immer lesenswerten Blog „Im Land des Fußballs“.

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