„Berliner Erklärung“: Symbolpolitik vs. gesellschaftliche Debatte

Revolutionäres wurde angekündigt. Am Ende wurde es nur etwas Blabla. Wenn auch fundiertes Blabla. Ja, die „Berliner Erklärung“ gegen Homophobie im Sport (und mit Sport meint man in Deutschland zu 90% immer Fußball) ist ein überhyptes Stück Symbolpolitik. Was nicht heißt, dass ein derart prominent unterstütztes Statement nicht trotzdem wirksam sein kann. Wie schon so oft lautete mein Fazit nach Lektüre der ausgegeben Materialien: „Na, immerhin.“ Es ist etwa so wie die Gleichstellung im Steuerrecht im Vergleich zur eigentlichen Forderung nach Öffnung der Ehe. Immerhin. Reicht aber noch nicht. Lange nicht.

Immerhin: Die Berliner Erklärung bringt Organisationen wie Magnus Hirschfeld-Stiftung, Antidiskriminierungsstelle & Sportverbände an einen Tisch. Gemeinsam mit der Universität Vechta soll ein Bildungskonzept (vollständiges Konzept hier) umgesetzt werden, welches bei Jugendlichen ansetzt. Das ist richtig und wichtig – homophobe Vorurteile entstehen genau dort. Ein guter Ansatz.

Aber: Nur vier Bundesliga-Vereine (Bremen, Bayern München, Hertha, Hannover 96) unterzeichneten die Erklärung bisher. Niersbach war die Mühe der Reise nicht mal wert (wofür die taz ihn zu Recht auseinandernimmt). Man fragt sich wirklich, warum die anderen Vereine es nicht für nötig hielten, und warum die DFL nicht hinter der Erklärung steht. Sollte die Sorge um Sponsoren, wie ein Zeit-Kommentar mutmaßt, dahinter stehen? Das wäre mehr als jämmerlich. Zumal es nun wirklich potenzielle Sponsoren gibt, die mit dem „Homothema“ keine Berührungsängte haben, man gucke sich bei jedem beliebigen CSD in Deutschland um. Warum es nicht mehr Unterzeichner gibt, bleibt unverständlich.

Immerhin: Die herausgegebene Broschüre „Fußball und Homosexualität“ ist tatsächlich gut gemacht. Es handelt sich um eine Art Leitfaden für das Coming Out von Sportprofis, inklusive Tipps zur Pressearbeit und Q&As. Letzere erscheinen teilweise etwas absurd, mit der Frage nach der Duschsituation beispielsweise – aber seien wir ehrlich: Das sind sie doch, die Fragen, die tatsächlich von Menschen mit homophobem Gedankengut gestellt werden. Ich bin seit mehr als 12 Jahren so sehr „out“, wie man es nur sein kann, und selbst im näheren Bekanntenkreis kommen sie immer wieder, diese „Hast du das grad wirklich gefragt“-Dinger. Es hilft nicht, solche „Sorgen“ beiseite zu wischen und sich drüber lustig zu machen. Sie müssen beantwortet werden, fundiert und klar, und im Zweifel immer wieder. Vorurteile behebt man nicht (allein) damit, dass man sich darüber lustig macht. Der Tipp der Broschüre, an manchen Stellen auf Vergleiche zuzugreifen, wie zum Beispiel der Vergleich zum Rassismus-Thema, ist schön konkret und direkt. Auch das Begriffs-Glossar, in dem Kernbegriffe von Bisexualität bis Sexuelle Orientierung erklärt werden, ist wunderbar praktisch. Bei aller scheinbaren Banalität: Ja, das hier ist nützlich. Die Frage ist nur: Wird es auch genutzt?

Aber: Die Fokussierung auf das eine, große „Coming Out“ muss aufhören! Es bringt absolut nichts, auf Spieler Druck aufzubauen und alle Hoffnung auf den einen Mutigen zu stützen. Im ersten Schritt reicht es, ein Klima zu schaffen, in dem bereits geoutete Sportler/innen normal behandelt werden. Mir fallen fast nur Fußballerinnen und sowieso ausschließlich Frauen ein im deutschen Profisort – wir haben aber auch Männer und Frauen in Leichtathletik, Tennis, Rudern, und, und, und, die alle nicht über ihr Privatleben sprechen. Müssen sie natürlich auch nicht, aber die Atmosphäre in allen Sportarten scheint noch nicht ausreichend tolerant zu sein. Hier sind Medien und Sponsoren gefragt – denn die Furcht vor medialen Reaktionen und Sponsorenverlust wiegt bei den meisten Sportarten sicher noch mehr als die Angst vor’m Publikum. Homophobe Äußerungen gehören auf die gleiche Abschussliste wie Rassismus.

Immerhin: Mit der Sportbild hat die „Berliner Erklärung“ einen nicht unumstrittenen Medienpartner. Aber, wie Johannes in seinem Blogpost bei Aktion Libero vollkommen richtig schreibt: „Der Kampf gegen homophobe Tendenzen wird schlussendlich nicht in der Zeit, der Süddeutschen oder in Uniseminaren gewonnen, sondern dort, wo die Ressentiments tief sitzen (…)“. Und dieses Publikum erreicht man bei der Bild. Man lese nur die Kommentare dort.

Aber: Kein Wenn und Aber – jedes Medium, vom Spiegel bis zur Bild, muss seine Sprache überprüfen. Schon bei der beliebten Formulierung „bekennende Lesbe“ bekomme ich die Krise. Klingt wie das Bekenntnis zu einer ansteckenden Krankheit. Zuletzt las ich diese Formulierung übrigens nicht in der Bild, sondern im Spiegel. Bei fast allen Medien (mit der löblichen Ausnahme der Zeit) wird in den Kommentaren unerträglicher Dreck unkommentiert stehen gelassen. Auch hier: Homophobie ist Hass gegen eine Gruppe. Sie gehört nicht toleriert und nicht akzeptiert.

Aber wisst ihr, was noch mehr helfen würde im Kampf gegen Homophobie im Sport? Kampf gegen Homophobie im Alltag. So lange Politiker hochgradig homophobe Äußerungen von sich geben, so lange Homophobie aus „religiösen“ Gründen als akzeptabel angesehen wird, so lange gleichgeschlechtliche Paare wie Bürger zweiter Klasse behandelt werden, so lange ist der Kampf gegen Homophobie im Sport ein – wenn auch wichtiger – Nebenschauplatz. Studien belegen, dass die Öffnung der Ehe große Auswirkungen auf die gesellschaftlichen Ressentiments hat. Und erst, wenn die Präferenzen der Partnerwahl keine Rolle mehr spielen, wird auch die Partnerwahl eines Profisportlers keine Bemerkung mehr wert sein.

Die Niederlande öffneten 2000 als erstes Land der Welt die Ehe. 82% der Niederländer befürworten gleichgeschlechtliche Ehen. In Deutschland sind es nur 52%. Wir brauchen mehr als Erklärungen, wir brauchen gesamtgesellschaftliche Akzeptanz und breite Ablehnung homophoben Verhaltens. In den Kommentarspalten online wie in Alltagssituationen. Und in Stadien.

ein Kommentar

  1. […] – doch es bleibt die Frage, ob dies alles nur Symbolpolitik ist (SpiegelOnline). Auch der Torszenen-Blog stellt sich lesenswert dieser Problematik. Unterflutlicht findet das ganze Thema […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s