Filmkritik: La Vie d’Adèle / Blau ist eine warme Farbe

Beim Filmfest wird vor Filmstart verkündet, dass es trotz der 179 Minuten Laufzeit von „La Vie d’Adèle“ keine Pause geben wird. Die Frau neben mir: „Oh nein, so lang ist der? Wie furchtbar!“

In Berichten über den Palme d’or-Gewinner 2013 geht es vor allem um eines: Sex. Amerikanische Kritiker reden sogar von Porno, ein Kino in Idaho verbannte den Film gleich und feministische Kritikerinnen nehmen die Liebesszenen auseinander. Hat man „La Vie d’Adèle“ dann gesehen, macht diese Einseitigkeit fast wütend – denn Abdellatif Kechiches Film hat so viel mehr zu bieten. Er hat nicht weniger als den realistischsten Film über Liebe in ihren verschiedenen Phasen auf die Leinwand gebracht, den ich jemals gesehen habe. Und das auf so emotionale, faszinierende, berührende Weise, dass man nach 179 Minuten Film gerne sitzen bleiben würde, um Adèles weiteren Weg zu verfolgen.

Kechiche geht ganz nah an die jugendliche Adèle heran – im Wortsinne, denn extreme Nahaufnahmen sind sein wesentliches Stilmittel. Wir beobachten Adèle zu Beginn des Filmes in der Schule, beim ungelenken Flirten, beim Quatschen mit Freundinnen. Schon der Einstieg zeigt die große Kunst des Filmes: Nach wenigen Minuten kennt der Zuschauer Adèle. Fast hatte ich das Gefühl, ihr ihre Haarsträhne beim Schlafen aus dem Gesicht streichen zu müssen, so greifbar ist die junge Frau von Beginn an. Sie erwacht sexuell und emotional, eine Entwicklung, die Kechiche meisterhaft beobachtet. Als Adèle die blauhaarige Kunststudentin Emma kennenlernt, wird aus ihrer unsicheren Erkundung der eigenen Sexualität etwas anderes – echte, intensive, leidenschaftliche Liebe.

Um die Wirkung des Filmes zu verdeutlichen, sei eine Szene kurz mit den Reaktionen des Publikums beschrieben. In dieser Szene liegen Adèle und Emma auf einer Wiese und reden. Die Kamera ist so nah an den Gesichtern, dass man jede kleinste Regung sieht. Emma spricht, bemerkt dabei nicht Adèles Blick, der zu einem verklärt-verliebten Lächeln wird. Das Kinopublikum lachte leise und sanft, wie man eben über Menschen lacht, die so verliebt sind, dass man ihnen das überbordende Glück ansieht. Sieht man in dieser Szene im Kino einmal neben sich (wenn man den Blick denn von der Leinwand abwenden kann!), wird man strahlende Gesichter sehen. In dieser Szene ist das Publikum verliebt, so wie Adèle und vermutlich auch ein wenig in Adèle. Noch nie habe ich das pure Gefühl des Verliebens so greifbar in einem Kinofilm gesehen.

Es bleibt jedoch nicht nur beim Verlieben. Auch die leidenschaftliche Verbindung zweier Liebender wird gezeigt. Auch hier bleibt Kechiche der Nähe und dem Realismus treu, ebenso wie seinem Erzähltempo. Im Kontext des Filmes gibt es gar keine andere Option, als auch den Sex in Nahaufnahmen, realistisch und ausführlich zu zeigen. Er bleibt damit auch einer Sinnlichkeitsbejahenden Tradition des französischen Kinos treu. Letzten Endes sind „Skandal“-Rufe wegen der – hochgradig erotischen – Sexszenen in „La Vie d’Adèle“ einfach ein Ausdruck von amerikanisch geprägter Prüderie. Schamhaftes Abdrehen der Kamera oder zarte Ausleuchtung hätte der kompletten Intention des Filmes geschadet.

Die beiden Hauptdarstellerinnen spielen die Liebesgeschichte mit enormer Furchtlosigkeit und Offenheit. Adèle Exarchopoulos weint und lacht sich so virtuos durch den Film, dass mir fast die Worte fehlen, um diese darstellerische Leistung angemessen zu beschreiben. Alle Phasen einer Beziehung durchleben wir mit Adèle, durchzogen von zahlreichen tieferen Ebenen, die Klassenunterschiede und internalisierte Homophobie fast beiläufig berühren. Unter der ungeheuren emotionalen Intensität der Handlungsebene verstecken sich mit der Farbe Blau und dem Thema Essen/Trinken Leitmotive, deren Interpretation den Film weit über den unmittelbaren Eindruck hinein verlängert. „La Vie d’Adèle“ lädt zum mehrfachen Ansehen ein, um den vollen Umfang dieses vielschichtigen Meisterwerks zu erfassen.

Aber: Adèle ist vor allem erst einmal ein unmittelbares, intensives Kinoerlebnis. Ganz ohne 3D. Einfach nur mit den Mitteln einer begnadeten Regie, wunderschöner Kameraführung und wundervollen Darstellern, die einen in den Film vollständig eintauchen lassen.

Nach 3 Stunden geht im Kino das Licht an. Die Frau neben mir sagt: „Oh nein, schon vorbei?“

„La Vie d’Adèle“ läuft als „Blau ist eine warme Farbe“ am 19. Dezember in deutschen Kinos an.

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