Liebe SPD

Liebe SPD,

mit knapp 16 bin  ich bei dir eingetreten. Mit Anfang 20 war ich wieder weg, weggeschrödert sozusagen. Aber ich war dir durchaus gewogen. Habe dir meine Stimme immer wieder gegeben, meist im Verbund mit den Grünen, bei denen ich mittlerweile Mitglied bin. Auch dieses Mal. Denn ich wollte Rot-Grün, wollte Wandel, selbst wenn ich mir dafür Steinbrück als Kanzler vorstellen musste.

Ein Grund, warum ich Rot-Grün wollte? Klar, Gleichstellung. Ich wollte Parteien an der Regierung, die endlich dafür sorgen, dass ich kein Bürger zweiter Klasse bin. Sowohl Rot als auch Grün betonten vehement, dass sie dafür sorgen würden. Rot hat gelogen.

Der Spiegel meldete heute, dass Gleichstellung kein Thema im Koalitionsvertrag sein wird. Die CDU/CSU insistierte, die SPD gab nach. Klar, das Bundesverfassungsgericht wird es vermutlich richten. Wenn es das nicht tun, werde ich auch auswandern müssen – ich weiß, wenn ich irgendwo nicht willkommen bin. Ich kann subtile Hinweise verstehen. Und möchte dann spätestens auch nicht, dass meine Kinder in einem gesellschaftspolitisch zurückgebliebenen Land aufwachsen.

Aber, liebe SPD: IHR seid dafür verantwortlich, eure gesellschaftspolitischen Versprechen (dies betrifft auch andere Themen als die Gleichstellung) ernst zu nehmen. Eure Wähler ernst zu nehmen. Ich habe euch nicht nur wegen wirtschaftspolitischen Gemeinsamkeiten gewählt, ich habe euch auch gewählt, weil ich mir von euch ein wenig mehr Rückrat auch beim „Gedöns“ (Frauenquote, Betreuungsgeld, Gleichstellung) erhofft hatte.

Liebe SPD, ich merke nicht nur, wenn ich irgendwo nicht mehr willkommen bin. Ich merke auch, wenn meine Stimme nicht willkommen ist. In 4 Jahren bekommt ihr meine Stimme nicht mehr. So es euch dann noch gibt und ihr nicht mit der CDU fusioniert seid, nachdem das mit dem Mindestlohn so unkompliziert hingehauen hat (erkennt ihr eigentlich Minimalkompromisse zur Koalitionsköderung wirklich nicht oder seid ihr so doof?!). Der süße Gerucht der Macht hat dich – mal wieder –  verdorben.

Tschüss, liebe SPD. Es war mal so schön mit dir.

6 Kommentare

  1. Von der Hamburger SPD und ihrer Flüchtlingspolitik gar nicht zu sprechen… Was ist bloß mit ihr passiert?!

  2. Hat dies auf Spreemieze rebloggt.

  3. Naja. Wenn nur so wenige die Parteien wählen, die sich -zumindest lt. Wahlprogrammatik- für die Gleichstellung einsetzen, dann ist dies wohl eher ein gesellscgaftliches, denn ein parteiliches Problem, oder?
    Das Problem ist wohl, dass die Gleichstellung halt nur EIN Thema (wenn auch wichtiges) ist. Scheint so, als ob die Wähler da wohl eine andere Gewichtung der Einzel-Versprechen gemacht haben.
    Auswandern fände ich als Lösung im speziellen Fall besonders, aber im Allgemeinen nur semi-gut. Wenn, die wenigen, die wichtige Themen auch aus- und ansprechen die Flucht antreten, was soll dann aus dem Rest werden?

    Wichtig wäre, dass die deutsche Wählerschaft anfängt sich eigene Meinungen zu bilden – und
    zwar nicht erst 2 Wochen vor der nächsten Wahl.

    1. Auswandern ist sehr wohl eine realistische Option, wenn dir das Heimatland einen wirklich legalen Weg zu einer Familie verweigert.

      Ansonsten: Alle (demokratischen) Parteien außer CDU/CSU sind für die Gleichstellung. Die Gesellschaft ist längst mehrheitlich dafür, obendrein beweisen wissenschaftliche Untersuchungen, dass der gesetzlichen Gleichstellung ein sprunghafter Ansprung gesellschaftlicher Akzeptanz folgt. Leider gibt es in Deutschland zwar mächtige Lobbyverbände für Automobil-, Pharma- und Tabakindustrie, aber die schwullesbischen Institutionen sind schwach, schlecht organisiert und zu kompromissfreudig. In anderen Ländern mit traditionellen Bürgerrechtsbewegungen sind die Strukturen besser und damit auch gezielter Lobbyismus für das Thema, der es auf der Agenda der Parteien nach oben zieht. Leider hat der LSVD einfach keine Zähne. Aber auch andere Bürgerrechtsthemen in Deutschland gehen immer wieder unter (siehe doppelte Staatsbürgerschaft, Asylrecht, NSA/Datenschutz) – eine Untersuchung, warum genau das hierzulande so ist, wäre mal spannend.

      1. Oh-Ja! Das wäre es in der Tat!
        Ich denke das mit der fehlenden Lobby ist leider genau richtig. Traurig genug, dass solche (und ähnlich wichtige Dinge) überhaupt nur mit entsprechend starker Lobbyarbeit in die Politik kommen können.

      2. Oh ja. Ich weiß aber ja jetzt dank Familie Quandt, wie viel Geld ein Gesetz ungefähr kostet. Ich spiele dann mal Lotto. 😉

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