WM-Erinnerungen: Zwei Teams, zwei Emotionen – Viertelfinals 1998

Der Trainer Baade hat auf seinem Blog ein Gewinnspiel zu den liebsten WM-Toren aller Zeiten – mein Favorit darf leider nicht mitmachen, da es sonst wohl zu oft genannt werden würde. Aber, beim Sichten von Bergkamps 2:1 gegen Argentinien bei der WM 1998 auf YouTube kam eine wunderbar-schreckliche WM-Erinnerung hoch. Eine, die zeigt, wie blöd es an manchen Tagen sein kann, zwei Herzensteams zu haben.

Während der WM 1998 wohnte ich in St. Andrews, Schottland, im Mädcheninternat. Gleichzeitig lief Wimbledon (oder so – kann auch ein anderes Tennisturnier gewesen sein), laut Schulleitung eine angemessenere Freizeitbeschäftigung für junge, wohlerzogene Damen. Zwar war ich nicht die einzig Fußball-verrückte Schülerin, aber das Ausmaß meines WM-Wahnes wurde trotzdem kräftig verspottet. Deswegen kam mir der Besuch meiner holländischen Oma sehr Recht, ich durfte die Viertelfinals von Deutschland und Holland mit ihr schauen, nicht im „Common Room“ mit lauter Engländerinnen und Schottinnen (beide Nationen eh schon raus aus der WM, England natürlich im von mir hämisch durchkommentierten Elfmeterschießen). Oma & ich deckten uns mit Snacks und Getränken ein und vergruben uns für einen langen Fußballtag im kleinen, charmanten Bed & Breakfast direkt neben der Schule. Die schottische Inhaberin amüsierte sich königlich über unser konzentriertes Fan-Dasein: „Good luck, my dears!“

Holland spielte zuerst. Oma und ich saßen auf dem Hotelbett, Oma sang die holländische Nationalhymne leise mit und sagte dann 90 Minuten lang ziemlich oft und gar nicht mehr leise „Godverdomme“. Und andere holländische Schimpfwörter, aber mein niederländisches Vokabular ist recht eingeschränkt. Ich schiebe es auf meine Oma, die eigentlich nur beim Fußball konsequent Holländisch sprach. Oder eher brüllte.

Ich kann mich an viele Gelegenheiten erinnern, zu denen mir als Kind meine Oma etwas unheimlich war beim Fußball. Zu groß war der Unterschied zwischen ihrem eigentlich relativ milden Temperament und ihrem Fußball-Selbst. Und dann auch noch Holländerin, so wenig zu lachen. Das WM-Achtelfinale 1990 ist meinem 9jährigen Ich besonders in Erinnerung geblieben, nicht wegen Rumspuckerei oder so, sondern weil die Familie sich kurz im leidenschaftlichen, erbitterten Fußballclinch befand. Für mich damals absurd, schließlich mochte ich beide, und irgendwie war ja egal, wer dann gewann. 1998 hatte sich die Präferenz schon ein wenig klarer ausgeprägt, ich war großer Fan von Bierhoff und Klinsmann und Matthäus und bei Oranje eigentlich nur leidenschaftlicher, bedingungsloser Fan von Patrick Kluivert.

Der schoß früh das 1:0. Oma und ich jubelten synchron. Unsere Gastgeberin lugte kurz ins Zimmer: „Oh, that’s a good start!“ Kurz darauf Ausgleich, damit begann Omas niederländische Dauer-Gefluche. 2 rote Karten später, in der 90. Minute, Oma und ich komplett jenseits von Gut und Böse, gefangen im Strudel eines wirklich spannenden Fußballspiels, die Gastgeberin traute sich nicht mehr ins Zimmer. Dann: Bergkamp nimmt den Ball nach einem Wahnsinnspass von De Boer an und lupft ihn ins Tor. Rest-Snacks fliegen durch Zimmer, wir brüllen ganz St. Andrews zusammen, meine Oma spricht umgehend vom Titelgewinn und hört dazwischen nicht auf, „Hup Holland Hup“ zu rufen. Die Gastgeberin steckt ihren Kopf rein: „You ladies need something to drink now, I presume?“

Es hätte einer der schönsten Fußballtage meines Lebens sein können. Wenn nicht später noch das deutsche Viertelfinale gewesen wäre. Nach einem elenden, grauenvollen Spiel (0:3) gegen Kroatien schlich ich zurück in die Schule, das Hoch vom ersten Spiel des Tages schon wieder vergessen. Meine Mitschülerinnen interessierte ohnehin nicht, dass ich auch Holland-Fan war und England bereits im Achtelfinale flog – eine hohe Niederlage im Viertelfinale für Deutschland war zu lustig. Und meine Kommentare zu Englands WM-Aus im Achtelfinale hatten mir den Spott auch redlich verdient. Meine Oma dagegen feierte bis zum letzten verschossenen Elfmeter im Halbfinale durch. Ich war etwas neidisch auf sie, mit ihrem einen Team und ungetrübter Freude. Aber egal, wie dieser Fußballtag für mich endete – Bergkamps Tor und der ekstatische Jubel im Bed & Breakfast war das absolute Highlight der WM 1998. Hup Holland Hup!

 

ein Kommentar

  1. Tolle Geschichte, ich kann mir das richtig gut vorstellen 😀 Ich würde aber gerne trotzdem wissen welches Tor dein Favorit ist 🙂 LG

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