Weltmeistertränen

Wie sehr ich diesen Titel wollte, wusste ich erst, als nach Mario Götzes Tor die Tränen losliefen. Mario Götze! Den nicht zu mögen, ist fast schon ein Hobby geworden, und dann macht der so ein Ding. Nachdem ich schon mindestens 40 Minuten lang nicht mehr sitzen konnte, meine Fahne vor lauter Nervosität angeknabbert hatte. Schmeckte übrigens auch nicht schlechter als der Nagellack, den ich beim holländischen Halbfinalelfmeterschießen verspeist habe.

1990 war ich 9, WM war etwas Abstraktes im Fernsehen, das unerwartete Auswirkungen auf den Familienfrieden haben konnte (Rijkaard! Völler!). 2014 ist WM etwas Konkretes, etwas, bei dem ich dabei sein wollte, für das ich Karten hatte. Und dass ich wegen eines neuen Jobs dann doch nur vorm Fernseher erlebte. Ein Stich ins Herz bei jeder Blende auf die Skyline von Rio, Salvador oder Brasilia. Großer Neid auf alle, die dabei waren bei dieser tollen WM in einem Land, das einen etwa so stürmisch erobern kann wie die kolumbianische Offensive spielt.

2014 war auch die erste WM als Vereinsfan. Erst nach dem wochenlangen Wahn von Südafrika (Zauberfußball! Vize und Dritter! Nigel Kung Fu De Jong!) überredeten mich Kollegen und Freunde, mir diese Bundesliga mal genauer anzuschauen. Seitdem ist Fußball nichts mehr für alle 2 Jahre. Er ist jedes Wochenende da, wenn ich kann im Stadion, mit WM-reifen Zittermomenten mehrfach im Jahr. Wenn meine beiden Nationalmannschaften meine Jugendlieben sind, fühlt sich der BVB an wie eine ausgewachsene, erwachsene Beziehung. Eine, die zugegebenermaßen noch auf ihre erste Krise wartet, aber die Borussia ist halt einfach zu gut zu mir bisher.

Trotz dieser frischen, großen Liebe – meine beiden Jugendlieben machen während so einer WM komische Dinge mit mir. Arjen Robben vehement verteidigen (und beim Abpfiff des letztes Spiels gleich wieder blöd finden) ist so ein Beispiel. Oder halt Weinen (das hab ich des Fußballs wegen zum bis dato ersten Mal beim Málaga-Spiel getan).

Meine Tränen beim Titelgewinn waren die Quittung für 18 titellose Jahre mit zu vielen großen, verlorenen Spielen. Manchmal muss es raus. Und wenn es nach einem Tor von Mario Götze ist.

Liebe Nationalelf, ich danke für einen fantastischen Fußballmoment, der mich wahrscheinlich noch in 20-30 Jahren melancholisch werden lasst. Damals, in Brasilien. Als ich eigentlich 110% sicher war, dass Joachim Löw niemals einen Titel gewinnen würde. Und als ich 120 Minuten später jubelnde Unflätigkeiten auf Portugiesisch, auf Deutsch, auf Englisch, ins eifrig klingelnde Handy brüllte, auf Fußballwolke 7 und mit angeknabberter Fahne.

PS: Sorry, Jogi. Ich habe dir unrecht getan.

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